Leben braucht Mut

Wir glauben oft, der Menge zu folgen ist das Leben.
Aber nein, das Leben finden wir auf unbegangenen Wegen.
Dort wo nicht viele gehen, ist auch nichts zertrampelt.
Wir atmen den Wind
und lassen uns nicht die Darmwinde der anderen
als warmen Lufthauch verkaufen.
Wir hören den Gesang der Vögel
nicht den Lobgesang der Menge an ihre Populisten.
Wir spüren den Boden unter unseren Schritten, lassen uns von ihm erden
anstatt im Stechschritts des Zeitgeistes über Tote zu marschieren.

Leben braucht Mut.
Dem eigenen Weg zu folgen und nicht den Wegweisern der Macht.

 

© evelyne w.

 

herbstblick

herbstblick

 

die zeit ist meine freundin.
bleibt mir auch von tag zu tag weniger
so gibt sie mir doch von tag zu tag immer mehr.
sie nimmt mir die verschwendung und schenkt mir das verschwenderische.
ich habe keine zeit mehr für den tanz der eitelkeiten und den stillstand auf dem berg des hasses, die mir die endlosgaukler in den schritt werfen wollen.
die tangowiege ist meine bewegung, geschmiegt an dich.
ich habe keine zeit mehr für neidgenossen und ausgrenzer, flachgeister und parolentrinker.
doch habe ich vielmehr zeit für menschen, deren licht ich nicht mehr unter ihren scheffel stelle. für menschen, die in die weisheit meiner seele lachen. für worte die uns berauschen, weil sie die liebe von unseren lippen tropfen.
die sinnlichkeit des herbstes legt mir nahe, die intensität der reife zu ernten.
es sind nicht die überschriften, die mir das leben zeigen, wie es ist.
die wege laufen durch die alleen der menschlichkeit, dort blühen inhalte, die gemeinschaft bilden, wächst die freude an der welt.
keine zeit ist zu wenig, um sie zu gehen.
denn sie gibt immer. und ihre freundschaft macht das leben lebenswert.

 

zufluchten

 
und dann kommt sie.
angst kriecht aus meinen zufluchten. krieg tritt in mein blickfeld. lächeln, wie geht das? zufriedenheit spüre ich als hohn. glück als naivität. freude erfriert an meinem gesicht.

 
und dann kommen sie.
aus den trümmern ihrer gegenwart. auf den nackten füßen der hoffnung. vorurteile fluten den menschenstrom. im schlamm der unbarmherzigkeit ertrinken ideale.

 
und dann sind sie da.
in den gehirnen hitzt die angst. die dürftigkeit der not lockt die notdurft der dummheit aus den ärschen des volkes. die unsicherheit bricht zacken aus der krone der menschlichkeit. wellen der unwissenheit stürzen als lüge und hatz über diffuse bedrohlichkeit. abwehr bläst zum angriff des pöbels. der überfluss regiert den wert.
mensch, wohin trägt dich die gier?

 
und dann sind sie da.
menschen erkennen menschen. nachbarn treten aus ihren schatten. springen über die zäune der feigheit in die pferche der ignoranz. reißen der oberflächlichkeit die masken vom gesicht. lichterketten zeigen den weg in eine kriegslose zukunft. schulter an schulter pflückt sich die blume der zuversicht leichter. hände öffnen sich zum geben. umarmungen legen sich um zitterndes erwachen. belohnung fällt aus augen. glück fällt aus gemeinsamkeit. angst kehrt sich zum mut.

 
und dann ist sie da.
leben ist entscheidung. nur dinge haben zwei seiten. eine lebenseinstellung ist kein ding. ich weiß mich zu entscheiden.

 
und dann bist du da.
du lächelst. wie geht’s? fragst du. und ich denke: mir geht es gut. aber wie geht es wohl dir? denn du kannst es mir nicht sagen. dein deutsch ist noch nicht gut genug dafür. doch du lächelst. mir freude ins gesicht.

 
© evelyne w.

lintschi liest

 

Von der Freiheit I. – Toleranz

 
Du musst toleranter werden. Sie kann es nicht mehr hören.
Sie ist nicht tolerant. Sie weiß es. Sie will es auch nicht sein. Toleranz hat sie vor vielen Jahren aus ihrem Leben gestrichen. Toleranz ist für sie der Kuhhandel der persönlichen Grenzen. Wer nicht über seinen Schatten springen kann, springt über den eines anderen, um seinen eigenen nicht mehr sehen zu müssen. Ich gebe dir Verständnis, um von dir ein Zugeständnis zu bekommen, für das, was ich mir selbst nicht zugestehe. Für das, wovon ich mich nicht selbst befreie.
Sie sucht die Freiheit. Die Freiheit ist nicht tolerant. Die Freiheit liegt in der Akzeptanz. In der eigenen, nicht in der, die wir von anderen fordern.

Das ist doch Wortklauberei. Toleranz, Akzeptanz … da ist doch fast kein Unterschied.
Doch, sagt sie. Die Toleranz ist das Lächeln über die Verbrüderung der Schwächen. Wer toleriert übernimmt keine Verantwortung.
Akzeptanz heißt, das Tun eines Anderen für diesen zu akzeptieren, aber für sich selbst eine Entscheidung zu treffen, was man mit dem Wissen des Akzeptierten macht. Da kann man über nichts hinweglächeln, worüber andere vielleicht weinen.
Ihre Verantwortungswelt ist schwarz oder weiß. Die Farben findet sie anderswo im Leben. Auch das Lächeln.

© evelyne w.

 

Die Schönheit liegt im Auge . . .

 
In ihrem Warten lag ihr Ich. Trockenen Fußes stieg sie aus dem Bad der Sehnsüchte und hüllte sich in die Geschmeidigkeit ihrer Haut. Ihr Haar floss in sanften Wellen unter seinen Händen . Mit dem Lachen perlte er Glanz auf ihre Lippen. An den Fingern trug sie Intensität und um den Hals ein Geriesel aus seidenen Spitzen. Er musste keinen Zucker in ihren Kaffee rühren, um den Morgen zu süßen. Sie brauchte keine Brille am Frühstückstisch, um Neuigkeiten zu erfahren. Verstehen lag sichtbar in der Luft.
Wenn er wiederkam, würde sie wieder schön sein.

© evelyne w.

lintschi liest

 

Nimbus

 
Nenne mich irgendwie. Doch nenne mich. Sag nicht einfach du. Oder Sie. Oder sie.
Ich will nicht im neutralen Schatten der Menge mich an Mauern ranken. Ich will blühen als das, was nur ich blühen kann. Im Ich-Rot und im Ich-Blau will ich mich auf dem Ich-Grün meines Stängels entfalten und von dir erkannt werden. Nicht rot wie eine Rose und nicht blau wie ein Vergissmeinnicht. Vergiss mich nicht im Anblick meiner Farben. Nenne sie irgendwie. Doch nenne mich.

© evelyne w.

 

Sag mir, wer du bist

 
Wie heißt du, fragt sie manchmal.
Und jedes Mal bekommt sie eine andere Antwort.
Wer bist du, fragt sie dann weiter.
Ich bin du.
Du bist ich? Wieso kenne ich dich nicht?
Ach, wer kennt sich schon.
Aber ich will mich kennen.
Deshalb bist du ja wohl hier.
Ja, aber wieso bist du jemand anderer als gestern?
Ich? Sagtest du nicht eben, du kennst mich gar nicht.
Du meinst, ich bin jemand anderer als gestern.
Du nicht?

© evelyne w.

 

Machtspiele

 
Sie sagte kein Wort. Doch jeder der sie kannte, hätte sofort an der Art, wie sie die Augen niederschlug erkannt, dass ihr die Hitze unters Herz gestiegen war. Bevor das Feuer sich in seinen Kammern breit machen konnte und Flammen aus ihrer Spucke sprühten, tötete sie die Wut mit kalten Gedanken ab.
Ihr Gegenüber schien es ihr nicht Wert, ihm Macht – und sei es auch nur in Form von Ärger – zu geben. Was heißt eigentlich „auch nur“? War das nicht eine der größten Mächte, die sie einräumen konnte?
Nur die Gewalt schien noch größere Macht über sie erreichen zu können. Aber mit dieser wollte sie nicht experimentieren. Sie schätzte ihre glückliche Lage sehr, die sie nicht in die Nähe von Gewalt brachte. Sie wollte sie keineswegs heranziehen, um ausloten zu können, wie sie damit umgehen würde. Ob es ihr möglich wäre, ihr die Macht über sie zu entziehen, und sei es in ihrem Inneren.
Sie wollte eigentlich auch nicht mit dem Ärger experimentieren. Aber es gelang natürlich des öfteren, dass jemand diese Macht für sich beanspruchen wollte. Dem Ärger war nicht so leicht auszuweichen. Nicht, dass sie der Gewalt bewusst auswich. Wie gesagt, sie schätzte die Gnade ihrer Geburt hoch, in ein Leben hineingeboren geworden zu sein, das sie ihre Zeit in einem Land verbringen ließ, das über Jahrzehnte nicht an Kriegshandlungen beteiligt war. Wo physische Gewalt nicht direkt auf sie einwirkte.
Psychische Gewalt, von der hatte sie sich weitgehend befreit. Vor Jahren schon. Es war sehr schwer gewesen, ihre Körperbühne von den Krankheiten zu säubern, welche die Grausamkeiten ihrer Kinderjahre in ihr abgelegt hatten.
Nein, sie würde dem Ärger keinen Raum geben. Sie wusste Bescheid.Über sich und über die Anderen. Über die Scharmützel, die jeder für eigene Überhebung oder Unterwerfung brauchte. Sie wollte sich nur sich selbst unterwerfen. Auch wenn das sehr schwer war. Weil die Wut einfach kam, wenn jemand auf sie einwirken wollte. Aber nur kurz. Denn auch die Macht ihrer Gedanken hatte sie in der Zwischenzeit gut erkannt.

© evelyne w.

 

Mein Gefühl ist ein Eichhörnchen

 
eichhoernchen

Wäre mein Gefühl ein Tier, wäre es wohl ein Eichhörnchen. Ich spüre ganz deutlich wie es immer wieder in meinem Bauch nagt, besonders wenn du nicht hier bist. Wie es sich bei deinem Anblick springend voranbewegt, Bäume hochklettert und Vorräte eingräbt in den Boden gemeinsamer Tage. Wenn du es mit Ärger nährst, dann vergisst es auch schon mal auf seine angelegten Vorräte, aber dann sucht es so lange, bis es wieder ein Versteck findet, in welchem es die Zapfensamen unserer Liebesfichte gelagert hat. Seine Ohrpinsel streichen meine Magenwände entlang, um sie vor dem Zusammenziehen zu bewahren, wenn die Angst um dich ihre Säfte hochpumpt. Es balanciert und rudert mit seinem Seelenschwanz, der so lang ist wie der Körper, damit unsere Mitte nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Baut viele Nester, nicht nur für dich und mich, doch geht es irgendwo bergab, dann läuft es mit dem Kopf voran, um sich selbst zu schützen. Alles frisst es, alles, aber es ist gelehrig und lernt ganz rasch, wie es die harten Schalen aufbricht und wegwirft, um deine süßen Kerne zu genießen. Ein Einzelgänger, mein Gefühl, das auf uns schaut und nicht erwartet, dass du es für mich tust.

© evelyne w.

mein spezieller dank gilt sarah, bei der ich einen text fand, der mich nicht nur begeisterte, sondern auch zur hinterfragung anregte: Der mit dem Nashorn tanzt