was MIR nicht wurst ist

 
Natürlich wird jetzt viel gejubelt. Beinahe jeder fühlt sich berufen, nun seine Solidarität zu bekunden. Und ja, auch ich mache das.
Sehr gerne!

Und doch denke ich immer wieder, eigentlich gehen alle Kommentare am Wesentlichen vorbei.
Für mich geht es hier nicht um einen Sieg für so schwammige Begriffe wie Toleranz, und auch nicht darum, diese Homosexuellen gegenüber schulterklopfend zu zelebrieren.

Für mich geht es schlichtweg um einen Sieg über den Hass!

Was hier im Vorfeld abgelaufen ist, diese Hetze, diese Häme, bis zu Mord- und (natürlich auch) Vergasungsaufrufen und was weiß ich … ist unbeschreiblich. Es wurde ja nur das Böse in die Welt geschwappt. Denn wie oft üblich, die Masse blieb schweigend. Und abwartend! Das darf man jetzt nicht vergessen.

Ich möchte gar nicht an die Möglichkeit denken, dass Conchita Wurst total abgesackt wäre.
Dann wäre sie nämlich Freiwild geworden. Und diese Masse an Kellerasseln, die aus ihren Löchern gekrochen wären, um sie zu jagen und weiter zu beschimpfen und zu bedrohen, da kriege ich im nachhinein noch Atemnot vor Angst.

Doch … 350 Millionen Menschen waren dabei, als dem Hass eine klare Absage erteilt wurde! Und sei es auch aus Protest- oder Mitläufergründen …

Dieser zierliche Mann, denn für mich ist und bleibt Conchita ein Mann, und zwar aus dem einzig wahren folgenden Grund – zeigte mehr Eier als die blitzblauäugigen Machos unserer Gesellschaft und waffenschwingenden Kraftprotze dieser Welt alle miteinander.
Denn Tom ist kein Dummer, das hat er in den wenigen Stunden nach seinem Sieg am allerdeutlichsten gezeigt. Er weiß genau, was er tut, er weiß, warum er es tut und er hat den Mut dafür, sich und das, was er vertritt unter Bedingungen zu vertreten, die fast keine Grauzonen bieten, die meistens entweder Liebe oder Hass hervorrufen.

Und die Mitläufer sind überall. Und in diesem Fall laufen sie nun mit dem „Guten“.
Aber sie wären wohl auch mit dem „Bösen“ gelaufen.
Wir kennen das aus der Geschichte nur allzu gut.

Die Bewunderer wären weiter schweigende Minderheit geblieben. Und ich muss gestehen, auch mir wäre ein Song-Contest und dessen Gewinner nicht einen Buchstaben Wert gewesen. Abgesehen davon, dass mich der ganze Song-Contest absolut nicht interessiert, und auch seine Teilnehmer nicht. Ich mich aber an sich nie zu Fernsehprogrammen äußern würde, weil es einfach einen AUS-Knopf am Gerät gibt.
Aber dort, wo sich Anhänger deklariert hätten, wären sie sofort ebenfalls zu Verfolgten geworden. Wie es die Anders“artigen“ eben nun einmal sind.
Denn es geht hier nicht nur um Homosexuelle!

Es geht um Menschen, „die an Frieden und Freiheit glauben“, um Menschen, die Anderen zugestehen, zu leben, wie sie es für sich richtig halten, und niemanden anderen dabei verletzen!

“ Wir sind unaufhaltbar“ sagte Conchita. Und das stimmt, wir WÄREN unaufhaltbar, wenn wir nur alle so starke Männer wären, wie die Frauen unserer Welt …

Nicht von ungefähr hat er sich wohl für seine Botschaft als Frau verkleidet.
Denn Tom Neuwirth will keine Frau sein. Er ist ein Mann, der gerne Kleider und High-Heels trägt, sich gerne schminkt und für Mode interessiert. Und der mit seiner Kunst leben will. Wie alle anderen Künstler.
Er selber sieht sich nicht als Ikone, als Berufener, die Welt zu retten. Er sieht sich als Mensch, der sich die Freiheit nimmt, so zu leben, wie er sich spürt. Und ich hoffe, er wird weiterhin genug Kraft haben, sich dem Druck derer, die ihn nun für ihre Zwecke einspannen wollen, widersetzen zu können.

Aber was ich bisher von ihm gehört habe, bin ich da sehr zuversichtlich.

Gehört … da dachte ich gerade … ja, das ist wohl der springende Punkt. Denn ich schaue ja aus bekannten Gründen derzeit eher mit geschlossenen Augen. Also HÖRE ich … und offensichtlich sieht man dann auch klarer … weil man sich nicht von einem Bart in einem hübschen Frauengesicht ablenken lässt.

Und noch einen Aspekt finde ich absolut erwähnenswert:
WIR wird diesmal nicht im Sinne von national(istisch)er Zusammengehörigkeit verwendet, sondern für völkerübergreifende Einstellung zu Frieden und Freiheit. Das gefällt mir besonders gut daran.

Conchita, du bist eine wunderbare Frau und Tom, du bist ein ganzer Kerl. Ich gratuliere dir dazu, dass du beides in dir vereinen kannst!

© evelyne w.

 

2w1758
bitte liebe freunde, nehmt es mir nicht übel, wenn ich im gegebenen fall nur minimal und höchstens einmal täglich kommentare beantworte. aber ich bin immer noch im minimal-computerprogramm.
wie sich in der zwischenzeit herumgesprochen hat, hatte ich eine augen-op.
ich hab erfahren müssen, dass wenn man eine halb“öffentliche“ person ist, man so etwas leider nicht mehr privat halten kann.
„freunde“ tragen so etwas dann gerne in welt …
kein beinbruch, aber ich bitte um verständnis, dass ich mir derzeit nur kurze computer-lese- und schreibzeit erlaube.
aber dieser beitrag war mir, der frau liebesforscherin, und hinterfragerin von „masse und macht“ wichtig …

 

5 thoughts to “was MIR nicht wurst ist”

  1. ja — liebe lintschi,
    ich unterschreibe auch!
    (und gute besserung dir, für einen klaren blick auf die dinge, aber den hast du ja auch so, wie ich sehe 🙂
    herzlich,
    diana

  2. ihr lieben, danke!

    verzeiht mir, wenn ich euch pauschal antworte …

    ihr macht mich glücklich, weil es mir in diesem fall nicht wurst ist, wie meine freunde zu der thematik stehen. und es hätte mich wohl mehr als betroffen gemacht, wenn ihr anders gedacht hättet.

    dazu möchte ich noch einmal sagen, obwohl das für euch ja wohl eh klar ist:
    es geht mir nicht um den song-contest, nicht um den song, nicht um conchita/tom, sondern um das, was dadurch hochgespült wurde und wie die masse damit umgegangen ist und geht.

    ich danke euch noch einmal allerherzlichst.

    und – es geht mir gut, alles ist im richtigen lauf. es dauert halt … aber das wusste ich schon vorher und konnte und kann mich gut darauf einstellen. und werde ja verwöhnt zu hause 😉

    alles liebe für euch!
    eure lintschi

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