Die Gefälligkeitsrezension

 
Ich rezensiere gern. Allerdings mache ich das sozusagen als schreiberische Fingerübung. Ich schreibe über etwas, worüber ich mir Gedanken mache. Schreiben ist nun mal mein täglich Brot. Ohne Schreiben würde ich verhungern. Also denke ich, das ist eine gute Übung, wieder einmal in eine andere Art von Texten einzusteigen. Sozusagen eine textliche Herausforderung.

Bei Theaterstücken ist alles so weit klar. Da habe ich etwas vorgegeben. Eine Aufführung, die ich besucht habe. Das kommt nur ein paar Mal im Jahr vor. Da liegt meine persönliche Herausforderung darin, das auszudrücken, was ich dort empfunden habe. Auch wenn die Aufführung nicht meinem Geschmack entsprach. Ich bin dort neutraler Besucher.
Aber bei Büchern? Da gibt es so viele mehr in meinem Leben. Auch begleiten mich doch einige Autoren. Da muss ich auswählen, was ich rezensiere. Und ich arbeite mit Büchern. Weiß ein bisschen was von der Arbeit daran.

Da ich ein Mensch bin, der sich nicht gern zu lange mit Negativem aufhält, bzw. das Negative nicht in den Vordergrund rücken will, ergibt es sich von allein, dass ich nur Bücher rezensiere, die mir gefallen.
Obwohl die Anzahl derer, die mir NICHT gefallen, wesentlich größer ist …

Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass ich damit in einen Sog gerate, in dem ich eigentlich gar nicht sein möchte.
Heute wird rezensiert, dass sich die Balken biegen.
Aber nicht mehr um des Austauschs willen, sondern aus Marketinggründen.

Bei etablierten Autoren und Verlagen ist es selbstverständlich, dass gute Rezensionen den Verkauf eines Buches fördern können und klarerweise auch sollen. Andererseits hat es sich aber schon oft erwiesen, dass ein Verriss einen noch größerer Kaufanreiz darstellen kann. Da geht es also in erster Linie um Medienpräsenz. Darum, in aller Munde zu sein. Egal wie.

Doch wie wir alle wissen, gibt es ja eine ganz neue Szene. Die sogenannten Indie-Autoren. Und dort geht es nicht um „aller Munde“, nicht um neutrale Leser, die angereizt werden sollen, sondern um die Dunstkreise der Autoren.
Und unter diesen wurde eine eigene Rezensionsform geschaffen: Die Gefälligkeitsrezension.
Wie du mir, so ich dir.

Das Verhängnis bei diesen Rezensionen ist genau das gleiche, wie bei den Büchern selbst. Werden von einem Autor die Fehler seines Manuskriptes nicht erkannt und selbstbewusst ein Buch damit und daraus veröffentlicht, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Rezensent dieses einfach auf diesem Niveau übernimmt. Kritik ist nicht gefragt.
Und oft auch gar nicht möglich. Einerseits weil der sprachliche Ausdrucksrahmen fehlt, den Eindruck eines Buches konstruktiv zu kritisieren, andererseits natürlich, weil dies nicht dem Sinn des Anliegens entspräche. Und die Retourkutsche das eigene Werk in den Schlamm fahren könnte.
Aber ein höchst faszinierender Aspekt war für mich dennoch, als ich erkennen musste, dass Rezensenten diese Bücher oft gar nicht gelesen haben! Oder nur Teile davon.
Aber auch das ist ja nicht nötig, Hauptsache, sie haben ihren Netzwerkdienst geleistet.

Als Kritiker eines solchen Buches wird man sofort als Nestbeschmutzer angesehen. Die Lobby des Autors und seines Dunstkreises kehrt augenblicklich alles ins Gegenteil und stampft die Rezension, wie natürlich auch ein mögliches Buch des Rezensenten in Grund und Boden.

Mich fasziniert es immer wieder, wie unsere Gesellschaft heute tickt. Und selbstverständlich deshalb auch die Schreiblandschaft. Niemand ist mehr interessiert daran, sich weiterzuentwickeln. Wofür konstruktive Kritik unbedingt erforderlich ist. Nein, es wird sofort dem Anderen der Schwarze Peter zugespielt und wir tanzen weiter auf dem Vulkan der Eitelkeit und der daraus resultierenden Unantastbarkeit.

An seinem Rand wahrscheinlich auch ich …

Aber mit Gefälligkeitsrezensionen habe ich nichts am Hut! Da täte mir leid um die Zeit, die ich dafür aufwenden müsste. Und über ein Buch, das ich weglegen musste, weil es so langweilig war, dass ich nicht weiterlesen wollte oder gar, weil die Fehler meine Augen beleidigten, werde ich nie und nimmer öffentlich etwas schreiben, auch wenn es aus meinem Bekanntenkreis kommt.
In diesem Fall würde ich still und leise versuchen, im direkten Kontakt auf die Mängel hinzuweisen. Wenn möglich. Wenn der Autor das zulässt. Mein Freundschaftsdienst bestünde in diesem Fall in KEINER Rezension.

Wenn ich eine Rezension schreibe, dann tue ich meine persönliche Meinung kund, dazu will und muss ich stehen können. Ich tausche mich gerne darüber aus, aber es ist niemals eine Kaufaufforderung! Das möchte ich aus aktuellen Gründen hier unbedingt vermerken!

Ach ja, und selbstverständlich: Auch umgekehrt ist das so. Ich lege ebenfalls für meine Bücher keinen Wert auf Gefälligkeitsrezensionen! Und freue mich darüber, wenn mir jemand Kritik persönlich zukommen lässt. Ich vertrage sie und hinterfrage meine Texte IMMER danach!

 

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die wolken
hängen tief
regenschwere trieft
aus meinen säumen

die füße haltlos
im schlamm
der bis zum horizont
sich drängt

bevor jedoch
die nacht anbricht
entlädt sich das gewitter

der sturm trocknet
mein kleid
den boden

und
die sonne steigt
unbelastet
aus dem dunst
des morgens

© evelyne w.

 

nachtweg

 
und dort am hang
das muschellicht
schwappt um den rand
verletzungsgleich an meines
meeres burgen

strandgesandet fließen
minuten in die nacht
im sterngeflecht saugen
sich worte
an deiner lippen
schwarzgerötet tor

an dem die hagebutte
sich ein nest gebaut
aus der vergangenheit
die rosend sich verweitet
am dornenkuss
der deine hände netzt

zu blutend schatten die
im schutze meiner dunkelheit
mir schirmenfingernd
gleiten in die kiesel
die du streust

gefußt
geh ich dahin
getragen
auf dem weg
den ich erschlafe mir
in dir

© evelyne w.

nachtweg - audio

 

 

morgenwalzer

 
legt sich der morgen
in die kurve
wälzt rötlich sich
das licht
durch die ballettreihen
der reben

der wind setzt
seine flöte an die lippen
sanft wippen die tutus
beine vibrieren

und dann schwingt
der weinberg
im walzer
eines neuen tags

© evelyne w.

 

leinen los!

 
vom leib will ich
mir halten euch
die ihr mit blicken
losgelöst
von aller wahrheit
kapitäne spielt
auf den papierschiffen
der eitelkeit
im schmeichelsog
die segel refft
um unter meiner haut
zu ankern

und werde doch
niemals zu leben wissen
leinenlos

© evelyne w.

 

Über mich sprechen wir ein andermal

 
Rezension – „Über mich sprechen wir ein andermal“
von Edna Mazya

Nach langer Zeit wieder einmal ein Roman, der mich begeistert hat. Mich mitnahm auf die emotionale Reise dreier Frauen durch verschiedene Generationen, deren Geschichte so dicht miteinander verknüpft ist und die Dynamik gut herüberbringt, aus der Lebensabläufe erwachsen.

edna mazyaDie Handlung:

Nomi hat eine durch ein kleines Erbe gesicherte Existenz als Verlegerin in Tel Aviv und viele Jahre ein befriedigendes Verhältnis mit einem irischen Theaterregisseur, mit dem sie nur wenige Wochen im Jahr zusammenkommt. Sie wuchs bei ihrer geliebten Großmutter Ruth auf, wollte sich aber nie näher mit dem Warum und der Geschichte ihrer Familie beschäftigen.
In einem Alter, wo sie darüber nachdenkt, ob eine Änderung ihrer Beziehung nicht doch angebracht scheint, macht sie sich, wenn auch etwas halbherzig, auf die Suche nach der Vergangenheit.
 
Und der Leser erfährt, dass die liebevolle Großmutter einst in Deutschland eine höchst glamouröse und dekadente Rolle einnahm, die Familie zugunsten ihres Liebhabers vernachlässigte und sich rauschhaft aus der Fadesse des Mittelstandes ihrer Ehe entfernen wollte. Die obsessive Liebschaft zerbricht, aber Ruths Leben wird dennoch nach wie vor davon bestimmt.
Im Zuge der geschichtlichen Ereignisse wandert die Familie nach Palästina aus.
Dort gibt es ein Wiedersehen mit Robert, jedoch auf ganz anderer Basis, als Ruth sich diese vorstellte.
Die Tochter wendet sich vom bourgeoisen Leben ihrer Eltern ab, lässt die eigene Tochter in der Obhut der Großmutter, die die Erziehung der Enkelin nun zu ihrem neuen Lebensinhalt macht.

Meine Meinung zum Inhalt:

Ich selbst beschäftige mich sehr viel mit ungelösten Mutterbindungen (u.a. auch in meinen eigenen Romanen) und hier werden diese ganz besonders gut herausgearbeitet.
Faszinierend, wie eine Tochter die Probleme, die sie mit ihrer Mutter hatte, in ihrem Muttersein noch mehr ausbaut, anstatt ihrer Tochter das eigene Schicksal ersparen zu wollen. Und diese Tochter die Muster von Mutter und Großmutter dann einfach auf der ganzen Linie ins absolute Gegenteil verkehrt.

Die Egozentrik der Protagonisten, ihre daraus erwachsenden Abhängigkeiten, die sie ihr Umfeld nicht wahrnehmen lassen, sogar die tragischen geschichtlichen Ereignisse lediglich zur Belästigung der eigenen Befindlichkeit degradieren, werden so gut herüber gebracht, dass man mit der eigenen Sympathie zwischen den Personen hin- und herschwankt.
Die Geschichte nimmt einen herein, sodass man sie nicht von außen beurteilt, sondern mitfühlt. Einmal mit der/m Einen, dann wieder mit einer/m Anderen. Man bangt, man leidet, wütet, möchte die Leutchen schütteln und manchmal aus Peinlichkeit weglaufen.
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die Szenen, wo aus der Sicht der Kinder geschrieben wird.

Auch wenn der Einstieg ein wenig flach, bzw. die Erwachsenengeschichte der Enkelin die schwächste ist, die nur in Verbindung mit der Opposition zu den Mustern von Mutter und Großmutter Bedeutung erlangt, habe ich dieses Buch in einem Rutsch gelesen.
Und wie ich eingangs schrieb, hat es mich echt begeistert.

evelyne w.