versponnen


in der schale wird sie es vor sich hertragen. ihr herz. oder was von ihm noch übrig. von ihm. ja, auch von ihm, der ihre finger an seine küsse band. der seine finger aber löste aus den unversponnenen fäden. die sie aus ihren augen drehte. sie wird es tragen. alles wird sie tragen. was ihr herz splitterte. und was sie daraus spann.

© evelyne w.

 

Weiberherbst

 
Zärtlich getragen vom Nebel
Der sich weich um mich schmiegt
Tief atmend den Duft des Herbstes
Der in der satten Luft liegt
Schwebt mein Herz durch die farbige Pracht
Die mein Leben so herrlich reich macht

Es sind die Farben der glücklichen Stille
Die in mir leuchten in einer Fülle
Die Gott in meine Ewigkeit senkt
Weil Er mir wieder den Herbst schenkt

Sanftes Nieseln streichelt mich
Und küsst wie frischer Morgentau
Alle meine Sinne wach
Und ich erkenne im Herbst die Frau

Der Jahreszeiten einziges Weib
Die strahlende Schönheit
In deren Leib
Der Herd des Lebens ewig wärmt

Der Frühling
Der Jüngling der sonnig ausschwärmt
Der sorglos aufbricht und überall sät

Der Sommer
Der lachend einhergeht
Mit heißem Atem und spendender Kraft
Alles wachsen lässt aus seinem Saft

Der in schwülen Nächten von Freiheit erzählt
Und vieles verspricht was er dann nicht hält

Der Winter
Ein eiskalter Soldat
Mit klirrenden Waffen in prachtvollem Staat
Tötet
Was sich nicht schützt vor ihm
Lässt viele zitternd vor ihm fliehen

Doch jetzt der Herbst
Der nach innen ruft
Mit prächtigen Farben und sinnlichem Duft
Mit weichen Konturen im milden Licht
Mit feuchten Lippen im üppigen Gesicht
Der Ernten gibt und sich daran freut

Der Jahreszeiten Weiblichkeit

Und groß ist mein Glück
So von Weib zu Weib
Denn auch ich fühl‘ den Herbst
In meinem Leib

© evelyne w.

aus:

 

Ich bin aus einem ganzen Stück
Best of Tagebuchgedichte

152 Seiten
Broschiert mit Klappen

 

 

 

 

 

echtheit vs. realität

 

in den kulissen der gegenwart tummeln sich die puppenspieler an den fäden der sogenannten realität. an einem bändel hängt ein neuer hintern. an einem anderen ein song, der nichts von seinem interpreten weiß. auf der bühne drängen sich worte die ihren zweck im wort verpuffen. pressen sich an ein ohr das sprache nur vom hörensagen kennt. ein inhalt sucht verzweifelt einen mund. offene hände blieben bei der maniküre. der boden unter den füßen wird ausgerollt als roter teppich für das hochverehrte publikum.

© evelyne w.

 

abendlandrot

 

rot flimmert es am horizont. im himmelsdunst in blasser mondsichel schaukelt ein kleiner krieg. die welt hebt kurz den blick. so schön das abendrot! so schön der mond! der kleine krieg lässt sich zur erde fallen. zieht große spur in fackelnd rot. der mond erschrickt und ward nicht mehr gesehen. doch ihn trifft keine schuld.

© evelyne w.

lintschi liest abendlandrot

 

der name der tränen

 

sage es mir. sage es mir. immer wieder. nein, schreie es gegen den wind. damit er es an meine lippen stürmt. lass einen namen aus der sonne fallen. einen namen. den du mir gibst. wenn dein schrei sich aus der tiefe bricht. gegen den wind. der salz in meine wunden treibt. die dieser augenblick verschließt. wo tränen zwischen glück und leid nicht unterscheiden.

© evelyne w.

lintschi liest der name der traenen

 

november

 
wenn dicke nebel
wie kalter schweiß
dein antlitz netzen

im grau
dein sommerlachen
sich selbst erstickt

deine hände
steif und klamm
ins dunkle greifen

will ich dich betten
auf die blüten
meiner haut

deine hände wärmen
an der hitze
meiner brüste

und mit ernteduft
aus meinem munde
deinen atem nähren

fürchte
weder schatten
noch kälte
bunt und warm
ist der november

unserer liebe

© evelyne w.

 

Das Mädl aus der Vorstadt – Burgspiele Hainburg – 4.11.2012


Das Mädl aus der Vorstadt von Johann Nestroy

Einige Nestroy-Inszenierungen habe ich in den letzten Jahren gesehen.
In berühmten Theatern, mit Schauspielern mit klingenden Namen.
Wer meine Rezensionen verfolgt, weiß, dass sie mich alle beinahe frustriert zurückließen. Auf jeden Fall so frustriert, dass ich mein Theater-Abo in diesem Jahr gekündigt habe, weil ich, unzeitgemäß wie ich bin, das Regietheater nicht goutiere. Es mir Theaterabende nicht zum Genuss bereitet.

Diesmal habe ich mich nach Hainburg begeben. Zu den Burgspielen Hainburg in deren Studiotheater im Kulturbahnhof, mit einer Winzigbühne und 35 Sitzplätzen.

Was ich dort erlebt habe? Nestroy vom Feinsten!
Wer aufmerksam liest, dem ist sicher gleich aufgefallen, dass ich nicht schrieb, was ich hier gesehen habe.
Zu fulminant war das Ereignis, das eine Handvoll Nebenerwerbsschauspieler, auf die Bretter brachte, die ihre Welt bedeuten.

Unter der Regie von Erna Frank, der jahrzehntelangen Intendantin der Burgspiele, wurde hier mitreißendes Theater geboten, an dem Nestroy mit Sicherheit selber sehr viel Freude gehabt hätte.

Allen voran brillierte ein blendend aufgelegter Wilhelm Frank als Schnoferl, der verliebte Winkeladvokat.
In der Rolle, die sich wohl Nestroy auf den Leib geschrieben hatte, blieb nicht ein Millimeter Kluft zu der Vorstellung, wie ihn dieser gespielt hätte. Niemals in den letzten Jahren hat mich einer der berühmten Schauspieler, die ich in seinen Leibrollen sah, derart überzeugt.

Ihm zur Seite in der Rolle der Frau von Erbsenstein eine köstlich maliziöse Gabriela Polasek, die aber unter ihrer Geziertheit die einerseits unsichere, andererseits nach Emanzipation strebende und zu guter Letzt warmherzige Frauensperson erkennen lassen konnte.

Ein nahezu Naturereignis – Thomas Häringer als jugendlicher Liebhaber Herr von Gigl. Seine komödiantischen Ausdrucksmöglichkeiten sind enorm, seine Stimme ließ den kleinen Raum erbeben, wenn er seinen Emotionen freien Lauf ließ.

Der Rest des Ensembles bot ebenfalls keinen Schwachpunkt. Jeder trug in seiner Rolle gekonnt, aber auch spürbar freudig zum Gelingen dieses wunderbaren Theaterabends bei.

Fehlt noch die Prinzipalin.
Aus der Not, zu wenige männliche Darsteller in ihrem Ensemble zu haben, um dem Wunsch folgen zu können, dieses Stück aufzuführen, wurde sie, wie sie in einem kleinen literarischen Vorspiel darstellt, von Nestroys Geist persönlich dazu angehalten, die Rolle des Herrn von Kauz zu übernehmen.
Eine wunderbare Idee, Herr Nestroy!
Erna Frank konnte mit ihrer Spielfreude diesem alternden und schleimigen Grapscher köstliche Präsenz geben.

Die Vorstellung dauerte mit kurzer Pause 3 Stunden! Und nicht eine Minute davon kam Langeweile auf.
Da könnten sich einige Regiegrößen ein Scheibchen abschneiden.

Denn die Handlung dieses Nestroy-Stückes ist absolut zeitgemäß, auch wenn sie in eine authentische Aufführung verpackt ist. Ein mündiger und literaturbegeisterterter Theaterbesucher benötigt dafür keine nackten Wäschermädln und erkennt einen Möchtegernverführer auch ohne offenen Hosenschlitz.

Die Spekulation mit fremdem Geld, das Zum-Sündenbock-machen des schwächsten Glieds, die überhebliche Verantwortungslosigkeit den Opfern gegenüber, die Scheinheiligkeit, die Gier nach dem großen, aber auch dem kleinen Glück, der Kampf der Frauen um gleichgestellte Positionen. All das braucht kein neues Gewand, es ist in dem alten, das Nestroy mit Wortgewalt und Humor anfertigte, viel eindrucksvoller anzusehen.

Die Kritik an der Gesellschaft braucht keine Comic-Darstellung, sondern Komik in der Darstellung, um auf unterhaltsame Weise die Köpfe der Menschen zum Denken anzuregen.
Nestroy hat ja aus gutem Grund keine dunklen metaphorischen Tragödien geschrieben, er war ein kluger Mann.

Ich kann sagen, ich habe diesen Theaterabend voll genossen.
Es war dies die letzte Vorstellung, ich kann also nicht empfehlen, ebenfalls hinzugehen. Aber da ich schon andere Inszenierungen der Burgspiele Hainburg erlebte, die allesamt sehenswert waren, empfehle ich gern, sich über die neuen Produktionen zu informieren und rechtzeitig Karten zu reservieren. Denn sie sind – absolut verdientermaßen – immer sehr rasch ausverkauft …

© evelyne w.