Der Schnörksel

Selbstironie und Überhebung

Zitat aus dem Wörterbuch:
Schnörkel, der – Beiwerk, Zierat überreiche Verzierung, stilistische Übetriebenheit
Verschnörkelung, die – Zierde, Dekor, Rankenwerk

Ich persönlich nenne den Schnörkel lieber liebevoll Schnörksel – das klingt für mich ansprechender als Bestandteil einer Persönlichkeit -, auch wenn nicht alle auf den ersten Blick gar so liebenswürdig erscheinen.

Als Grundlage besehen wir uns nun einmal den baulichen Schnörkel. Was soll dieser bewirken? Er soll eine gerade klare Baulinie „verschönern“. Wir sollen das Gesamtwerk gerne anschauen wollen, es schön finden, es lieben. Doch er verschönert nur die Fassade und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf sich und diese Fassade. Er stellt sich damit eindeutig zwischen den Betrachter und das Gebäude.

Auch der stilistische Schnörkel lenkt die Aufmerksamkeit in erster Linie auf sich. Die Überzeichnung kann zum Selbstzweck werden. Der Stil wird dann über den Inhalt gestellt.

Was wir nun an diesen beiden Beispielen bereits erkennen können, ist, dass der Schnörkel von Inhalt und gerader Linie ablenkt, auch wenn ihm diese Rolle vielleicht ursprünglich nicht zugedacht war. Vielleicht hätte er ursprünglich auf den Inhalt aufmerksam machen sollen. Von der geraden Linie lenkt er aber in jedem Fall ab. Doch auch, wenn er auf den Inhalt aufmerksam machen sollte, ist als Grundvoraussetzung dafür einmal anzusehen, dass der Inhalt ohne Schnörkel nicht interessant genug wäre. Oder, nicht schön genug wäre. Oder gar abstoßend wirken könnte.

Und damit sind wir auch bereits beim persönlichen Schnörkel angelangt, in Folge nur mehr Schnörksel genannt.

Auch der Schnörksel hat die Aufgabe, die dahinter liegende Persönlichkeit optisch aufzuputzen, um so eine Annäherung an die Gemeinschaft zu erleichtern. Doch auch hier hat er eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Auch der Schnörksel lenkt in erster Linie von der dahinter liegenden Person ab.
Und genau dieser Vorgang ist von der Persönlichkeit gewünscht, wenn auch meistens unbewusst!
Nun kommt aber noch ein wesentlicher Faktor dazu: Nachdem sich eine Persönlichkeit diese Schnörksel ja selbst aufsetzen muss – sie werden nicht von einem Baumeister angefertigt und angebracht, benötigt diese Person enormen Energieaufwand dafür. Dieser muss natürlich aus anderen Bereichen abgezogen werden und kann man so eigentlich leicht die Energievergeudung entlarven, dient er doch nicht der Entwicklung einer Persönlichkeit, sondern der Ablenkung von dieser Persönlichkeit.
Der persönliche Schnörksel kennzeichnet also nicht den verschnörkelt verschönerten Zustand einer Person oder Persönlichkeit, sondern den energieaufwändigen Vorgang der Ablenkung vom Inhalt seiner Persönlichkeit.

Wofür verschwendet nun der Schnörksler seine Energie?

Die sympathischere Form ist wohl die Selbstironie.
Der Schnörksler weist also einigermaßen humorvoll auf seine Unzulänglichkeiten hin und schlägt damit nun einmal gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe auf seinem Weg in die Gemeinschaft.
Als erstes signalisiert er damit einemal rationalen Verstand. Er weiß worum’s geht.
Als zweites signalisiert er damit eine gewisse Ohnmacht, die aber doch nur „menschlich“ ist.
Drittens signalisiert er damit eine gewisse Aufbruchsstimmung, die ihn wieder viertens der Verantwortung enthebt, bestimmte Aktionen zu setzen.
Und fünftens bietet er damit der eigenen Persönlichkeit enormen Schutz, liefert er sich doch sofort den rationalen Grund für Zurückweisung, Unverständnis, Kommunikationsprobleme, Liebesverlust, mangelnde Selbstliebe, aber auch mangelnde Liebesbereitschaft und Beziehungsunfähigkeit, usw. Die Kennzeichung des mangelnden Selbstwertgefühls ist ja wohl gegeben.

Der gerade Weg, um nun ein anderes Schlagwort zu gebrauchen, wäre aber eindeutig (und ganz einfach), eine Aktion zu setzen, die alle diese Vorgänge nicht notwendig machen würde. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, die persönliche Energie dafür zu verwenden, dem Menschsein gerecht zu werden, als sie darauf zu ver(sch)wenden, zu erklären, warum man der menschlichen Anforderung nicht gerecht wird.

Wie wir nun sehen, ist die Selbstironie wohl ein charmanter Beitrag zur Kommunikation (selbstironische Menschen werden von ihrer Umgebung meistens gern gesehen), doch liegen ihr die gleichen Ursachen zugrunde, wie z. B. der Überhebung, die doch aber eine wesentlich uncharmantere Kommunikationsform darstellt.
Tatsache ist, dass die Selbstironie nichts anderes ist, als psychologisches Training, und in erster Linie negatives Training! Aus der dauernden Signalisierung an das Unterbewusstsein ich weiß es, aber ich kann nichts machen, entsteht natürlich ein schwerer Konflikt in der Persönlichkeit. Weiters bringt ein ewiges Vorsagen der eigenen Unzulänglichkeiten ein Anerkennen derselben mit sich, eine Veränderung ist deshalb ausgeschlossen.
Wie bei allem auftretenden Humor liegt diesem letztendlich die persönliche Wahrheit zugrunde. Selbstverständlich ist Humor, und somit auch die Selbstironie, sogar Ironie und Zynismus, wenn sie sich nicht wirklich nur gegen einzelne Personen richten, ein ganz wichtiger Bestandteil der menschlichen Kommunikation. Doch sollte eben auch Humor in allen seinen auftretenden Erscheinungsformen zur Entwicklung der Persönlichkeit und auch der Gemeinschaft beitragen. Humor in seiner reinsten Form sollte der Lebensfreude entspringen oder dienen und sich nicht aus der Freude an Unzulänglichkeiten irgendwelcher Personen oder Persönlichkeiten ableiten. Selbstironie sollte so gesehen also anregen, zu hinterfragen, was damit erreicht oder auch abgesichert werden soll.

Es sollte herausgefunden werden, wovon dieser Schnörksel ablenken soll, warum die dahinter liegende gerade Baulinie verschönert werden soll, warum sie vermeintlich nicht ausreicht, um andere Menschen zum Eintritt in dieses Haus zu verleiten.

Es gibt aber nicht nur Schnörksel, die der Verschönerung dienen. Eine weitere begriffliche Defintion der Verschnörkelung wird mit Rankenwerk gesetzt.
Nun, diese Defintion weist uns ja förmlich auf den persönlichen Schnörksel hin. Umso dichter dieses Rankenwerk gestaltet wird, desto uneinsehbarer wird logischerweise die Persönlichkeit. Wie oft aber werden auch Bauwerke nur mehr vom äußerlichen Rankenwerk zusammen gehalten. Sie sind auch wunderschön anzuschauen, doch wird ein Stück der großartigen Verzierung abgehoben, sieht man, dass die darunter liegende Fassade schwerst beschädgit ist. Wird dieses Rankenwerk nun gar beseitigt, dann kann es passieren, dass aufgrund des Wegfallens der äußerlichen Stütze das ganze Gebäude zusammenbricht.

Es ist also klar erkennbar, dass dieses Rankenwerk nun nicht nur der Verschönerung dient (vielleicht handelt es sich sogar um Ornamente, die fast niemandem gefallen), sondern dass es vielmehr zum wichtigen Stützwerk geworden ist.

Genauso ist es natürlich auch wieder bei unserem Schnörksel. Er fungiert also nicht nur für die charmante Selbstironie als Selbstzweck, sondern für alle psychologischen Vrogänge, die der Abgrenzung einer Persönlichkeit dienen. Und damit auch der wesentlich unsympathischeren Überhebung.

Auch die Überhebung sichert eine mögliche Zurückweisung vorweg, liefert erstklassige Rationalisierungen für Nicht-verstanden-werden, mangelnde Liebesbereitschaft und auch Selbstliebe und verschleiert äußerst gekonnt geringes Selbstwertgefühl und die wirklichen Ursachen für Kommunikationsprobleme. Auch die Schnörksel des Überheblichen sind aus dem gleichen „Material“: Der überhebliche Schnörksler verschwendet seine Energie ebenso auf den Vorgang der Überhebung, also für den Ausbau von Abgrenzung und Abwehr, anstatt sie für seine menschliche und spirituelle Entwicklung einzusetzen.
Er verwendet seine persönliche Arbeitskraft nicht dafür, sein Haus zu bauen und in ihm zu wohnen, sondern er baut Zäune, Barrieren und schmückendes Beiwerk. Und in der Zwischenzeit verfällt sein Haus, wird ungemütlich und im Extremfall für ihn selbst letztendlich unbewohnbar.

Auch hier sollte nun also herausgefunden werden, wovon der Schnörksel ablenken soll. Warum es so wichtig erscheint, die Bausubstanz verbergen zu wollen, warum es so wichtig ist, den Anderen eine so perfekte Ansicht zu bieten, dass sie mit vor Staunen offenem Munde vor dem Haus stehen bleiben und es nicht zu betreten wagen.

 

 

Die Wichtigkeit des Seins

Ich glaube, dass wir Menschen dazu neigen, unseren Mittelpunkt zu verschieben. Wir richten unsere Wichtigkeit nicht nach uns aus, sondern nach der Wichtigkeit, die wir für andere haben möchten. Das kann nicht gut gehen. Das ist ein Prinzip, das in sich schon zum Scheitern verurteilt ist. Ich möchte gar nicht auf die Gründe eingehen, warum das so ist, dass Erziehung und Kollektivität uns dahin drängen. Ich möchte mich mehr mit der Gratwanderung der Wichtigkeit des Seins beschäftigen.

Die Wichtigkeit des Seins kann für mich lediglich aus der Selbstliebe erwachsen. Sie kann, wie der Prozess des Liebens an sich, nicht von außen gebracht werden.
Menschen, die ihre Wichtigkeit an ihren Erfolgen ablesen wollen, geben ihre Wichtigkeit aus der Hand.

Im Leben eines Menschen hat die Kommunikation einen unentbehrlichen Stellenwert. Gesundes interaktives Verhalten ist ein Grundbedürfnis für die Seele des Menschen. Doch genau dort liegen die Stolpersteine und Fußangeln. Wir Menschen glauben, Interaktion funktioniert am besten, wenn wir uns an den Reaktionen der anderen orientieren. Doch das kann so nicht sein. Ein Mensch, der sich an anderen ausrichtet, befindet sich logischerweise nicht in seinem Mittelpunkt, sondern wankt wie ein Schilfrohr im Wind zwischen den erwarteten Anforderungen der anderen hin und her.
Und auch die Wichtigkeit seines Seins hat dadurch kein gefestigtes Standbein.

Überlegen wir wieder einmal prinzipiell.
Welcher Mensch kann ohne uns nicht existieren? Das sind doch eindeutig nur wir selber. Also haben wir für uns Priorität.
Ohne welchen Menschen können wir nicht existieren? Auch hier: unsere Existenz ist nur von unserem eigenen Dasein abhängig.

Die Qualität dieser Existenz mag von anderen Menschen mitbestimmt werden, jedoch ist mit Sicherheit auf den kleinen Zusatz „mit“ zu achten. So schmerzhaft Verluste sein mögen, der Mensch ist dafür ausgerüstet, sie zu überleben! Auch logisch: wäre unsere Existenz an die Existenz bestimmter Personen gebunden, gäbe es schon lange keine Menschen mehr, weil bei jedem Todesfall ganze Menschenketten aufhören müssten, zu existieren.

Was können wir daraus für uns ableiten?
Dass unsere Existenz von uns selber sorgfältigst gepflegt werden muss.
Wenn wir aber nun davon ausgehen, dass zu dieser sorgfältigen Pflege gehört, dass uns andere die Füße küssen, dann kann dieses Prinzip auch wieder nicht funktionieren. Denn diese müssen ja ebenfalls vorrangig ihre eigene Existenz pflegen.

Erzieht uns dieses Prinzip nun zu Egoisten? Ja, das tut es! Und das ist gut so. Denn Egoismus ist eine gesunde Einstellung zum eigenen Sein und die Grundlage für die Wichtigkeit des Seins.
Doch dürfen wir Egoismus nicht mit Egozentrik verwechseln.
Egozentrisch ist ebenso nicht in der Mitte, wie das Schwanken zwischen den Reaktionen!

Aber was heißt egozentrisch?

In unserem eigenen Bedürfnispool spielt die Gemeinschaft eine große Rolle. Wohl die zweitgrößte, denn logischerweise gibt es ohne unsere eigene Existenz ja auch keine Gemeinschaft für uns. Aber ohne Gemeinschaft ist der Mensch nur ein Samenkorn in der Wüste. Die Qualität der Existenz eines einzigen Menschen ohne jegliche Gemeinschaft ist absolut nullwertig. Auch für ihn selbst.
Was, wie schon oben erwähnt bedeutet, der Mensch benötigt Interaktion. Und am besten liebevolle.

Diese kann er aber nur pflegen, wenn er selbstliebend in seiner Mitte ruht und von dort ausgehend liebend agiert und reagiert.

Wenn er nun diesen Ausgangspunkt verschiebt, indem er alles was von außen kommt auf sich zentriert, anstatt seine Wichtigkeit für sich selbst in das Zentrum zu stellen und von dort weg zu agieren, dann ist er egozentrisch unterwegs. Und selbstverständlich von Reaktionen abhängig.

Das heißt, dass der Mensch um sich selbst etwas Gutes tun zu wollen, auch sorgfältig auf sein Umfeld achten muss, also auch darauf, dass es bei seinen Handlungen nicht nur ihm selbst, sondern auch den anderen gut geht. Für seine Gemeinschaft handelt und nicht gegen sie. Das ist Egoismus!

Und wir sehen sofort den Unterschied zur Egozentrik: Dort glaubt der Mensch, dass er nur sich selber etwas Gutes tun kann oder gar, dass andere es für ihn tun müssen.

Geben und Nehmen ist die funktionelle Grundlage der Gemeinschaft. Aber was geben und was nehmen? Darauf kommt es an.
Dort liegt der schmale Grat zwischen Egoismus und Egozentrik.

Wir geben, wenn wir unsere Existenz wertfrei präsentieren. Wir nehmen, wenn wir das was andere geben, ebenso wertfrei akzeptieren.
Aber wir geben dann nicht, wenn wir etwas hinausgeben, um Reaktion zu erhalten und wir nehmen nicht, wenn wir das, was andere geben, dahingehend sortieren, ob es unsere Wichtigkeit erhöht.

Klingt doch simpel. Ist es aber, wie wir alle wissen, leider nicht.
Zu viel stürmt auf den Menschen im Laufe seiner Entwicklung ein. Erziehung und kollektives Unbewusstes bringen ihn auf den Weg, der von Machtgefügen und wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt ist.

Die Wichtigkeit des Seins wird nicht mehr am moralischen Wert gemessen, sondern am ökonomischen.

Da dies die Mehrheit der Menschen so macht, bekommt dieses Prinzip einen gewisse Wahrheitsallmacht. Und wir Menschen geben uns selbst nicht mehr Wert als … ja, dem Schilf im Wind …