Urlaubstage auf dem Zauberberg


Zehn Jahre war es her. Wir hatten das Hotel in guter Erinnerung, aber es hatte sich zwischenzeitlich nicht ergeben, hierher zu kommen. Wir hatten Spaß daran, immer neue Wellness-Hotels kennen zu lernen. Auch suchten wir gerne Orte auf, wo wir am Abend ein wenig Infrastruktur vorfanden, um noch wo gemütlich ein Glas Wein zu trinken, oder ein Tänzchen zu wagen.
Dieses lag nur zwei Autostunden von unserem Wohnort entfernt und in einer traumhaften schönen Umgebung. Wunderbar ruhig, weil einschichtig an einen Hang gebaut, von dem aus man in ein Tal mit weiten Wäldern und einem kleinen Teich sehen konnte. Sehr idyllisch, aber wie gesagt, auch sehr einsam.
Nun hatten wir erfahren, dass ein großer Umbau des Wellness-Bereiches vorgenommen wurde. Das machte uns neugierig.

Schon bei der Ankunft waren wir fasziniert. Das alte Stammhaus war in ein gläsernes Umfeld eingepackt worden. Sah toll aus und zerstörte auch den Gesamteindruck der ursprünglichen Gemütlichkeit nicht. Da hatte einmal ein guter Architekt gearbeitet. Wie man weiß, sind Architekten sonst ja eher Feindbilder für mich.
Das Zimmer – vom Feinsten. Rustikal und modern. Aber nicht als Kombination, sondern als Einheit. Viel Holz in graubraunenTönen, dunkelbraune Polstermöbel, mildorange Kissen und ein farbenfrohes abstraktes Acrylbild. Eine Glasfront zur geräumigen Loggia, mit traumhaftem Panoramablick. Das Bad als gläserner Kobel in der Ecke des Appartements. Doppelwaschbecken, verschiedenste Duschen, teuer glänzende Armaturen. Strahlend weiße Handtücher, Badetücher, Saunatücher, Bademäntel, Badeschlapfen. Selbstverständlich Begrüßungsobst und –drinks auf dem Zimmer. Und eine hübsche Badetasche.

Der Speisesaal, nein, die Räumlichkeiten des Restaurants, denn es gab mehrere, harmonisch elegant, und auch hier – dennoch sehr gemütlich. Durch weiße Ledersofas waren Nischen um die Tische gebildet. Von der Decke hingen große beige Lampen, die angenehmes Licht verbreiteten. Gedeckt war selbstverständlich perfekt und fleckenfrei. Blumen und Kerzen inklusive. Auch hier wieder die obligaten Fensterfronten zur Natur pur.

Die Mädchen ausnahmslos sehr hübsch. Mit persönlichem Charme und natürlicher Freundlichkeit und dem Willen zum Verwöhnen der Gäste.

Und dann der Wellnessbereich. Ich bin ja diesebezüglich kein Greenhorn. Aber dieser gehörte sicher zu den tollsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.
Was mir immer besonders gut gefällt: Wenn nicht am Platz gespart wird. Und hier war alles großzügigst angelegt. Mehrere Ruheräume (die meisten wieder mit Panoramaverglasung), auch kleine Rückzugsorte, die üblichen Saunen, Dampf- und sonstigen Bäder, großes Hallenbad, tolles geheiztes Außenbecken, eine Liegewiese mit bequemsten Liegen und Sitzgruppen, und alles von Glas statt Zaun umrandet, damit kein Millimeter Blick auf die Natur verlorenging.
Die Vitalrezeption elegant und vornehm, die angebotenen Behandlungen und Massagen ließen keine Wünsche offen.
Natürlich gab es auch eine Vitallounge, mit Tees und Säften, Obst, und Keksen …

Ein Paradies! Ich war begeistert.
Ich verbringe meine Wellnessurlaube mit stundenlangem Schwimmen – am liebsten in Außenpools. Dann Sauna und/oder Dampfbad und Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Hier konnte ich das perfekt durchziehen. Das sah ich auf den ersten Blick.

Warum ich das alles schreibe? Nicht um Werbung zu machen und auch nicht um Neid zu erregen.
Aber wer bis hierher gelesen hat, der hat nun wahrscheinlich einen ganz bestimmten genüsslichen Eindruck bekommen. Zumindest ging es mir so.

Und dennoch stellte sich das uneingeschränkte Hochgefühl nicht ein.
Ich haderte ein wenig mit mir, dachte, bin ich denn schon so verwöhnt? Gerade ich, die ich auch mit sehr wenig sehr glücklich sein kann. Üblicherweise kann ich diese Tage im für mich Luxus wirklich zelebrieren und absolut genießen. Ich bade in der Dankbarkeit. Als ich ein Kind war, und mit meiner Mutter in einem Kabinett hauste, ohne eigenes Bett, mit einem Lavoir auf einem wackeligen Stockerl, in das aus einer rostigen Blechkanne Wasser, selbstverständlich eiskalt, von der Bassena gefüllt wurde und einem Kübel für die Ausscheidungen, der dann in ein Sammelklo geleert werden musste, da sah ich es nicht als vorbestimmt für mich an, dass ich jemals solche Tage verbringen dürfen würde.
Und jedes Mal denke ich daran. Und meinen Standardsatz: Demut ist angesagt …

Und diesmal? Auch, eh klar. Und doch …
Dieser Luxustempel war besucht von Stammgästen, die schon Jahrzehnte hier ihre Urlaube verbringen. Die meisten kommen mehrmals im Jahr und haben schon ihre fixen Termine dafür. Und kennen einander untereinander auch schon sehr lange.
An sich kein Problem, ich brauche keine Menschen zur Kommunikation in so einem Haus, im Gegenteil, ich selbst versuche, ihr aus dem Weg zu gehen. Ich pflege da viel lieber meine Ruhe, sogar mein Mann geht tagsüber andere Wege als ich. Also daran konnte es nicht liegen.
Ich grübelte weiter …

Wie immer, wenn ich mit denken nicht weiterkomme, versuchte ich zu spüren. Und da spürte ich mich plötzlich als Bestandteil eines Ganzen.
Als ich die Augen öffnete, wurde mir klar, dass ich mich auf einem Zauberberg befand. Hier war beinahe keiner jünger als wir. Wir waren „breite Masse“. Und nicht zu wenige waren bedeutend älter.

Wie auch von mir bekannt, habe ich ein Faible für alte Menschen und erklärtermaßen kein Problem mit meinem Alter. Üblicherweise macht mich der Blick auf ältere Menschen, die es sich gut gehen lassen, froh und zuversichtlich. Aber diesmal …

Ich kam mir auf einmal vor wie in einem Altersheim der gehobenen Klasse.
Waren es auf dem Zauberberg von Mann die Tuberkulosekranken gewesen, die in exquisitem Ambiente versuchten, gesellschaftliche „Normalität“ zu zelebrieren, die sich von ihrer Krankheit nicht beeindrucken ließ, so erschien es mir plötzlich so, als würden dies hier die betagteren Herrschaften ebenso machen.

Im Schwimmbad tummelten sich alte Damen, die an den Rändern des Bassins hingen und sich über ihre Pensionen unterhielten und über die Leistungen, die sie in Anspruch nahmen. Und selbstverständlich zweimal am Tag bei der Wassergymnastik mitmachten. Immer verausgabten sich nette alte Herren auf den Fitnessgeräten (die ich nur beim Vorbeigehen sah – weil natürlich auch hinter Panoramaglas), stylish gekleidet, mit schneeweißen Handtüchern um den Hals.
Für Massagetermine war es für mich zu spät. Denn diese wurden von den Gästen bereits von zu Hause gebucht. Und auch die Kosmetikerinnen fanden kein Plätzchen mehr für mich.

Ich musste feststellen, dass es mir lieber ist, wenn ich in einem Wellnesshotel zu den wenigen Älteren gehöre. Das Gefühl, wenn ich um mich blicke und jüngere Gesichter sehe, wirft ein anderes Spiegelbild in meine Seele als dieser Anblick.
Auch sind die jüngeren Leute meistens tagsüber unterwegs, machen Wanderungen oder Besichtigungsausflüge. Deshalb ist im Haus fast niemand zu sehen. In der Sauna bin ich oft und gern allein. Nicht so hier. Denn viele alte Herren sind passionierte Saunageher. Was allerdings den Vorteil hat, dass sie meistens auch begnadete Aufgießer sind …
Doch tagelang nur Faltenwürfe, selbst wenn ich meine Brille erst am Abend aufsetzte, oder die Konversation an Nichts, der aufgesetzte Schmäh, oder die selbstmitleidigen Lamentos, deren man sich nicht entziehen kann, weil die Lautstärken dafür natürlich angehoben sind, das ging mir doch irgendwo ans Gemüt.

Sogar das Schwimmen im Freien im dichten Nebel, das ich sonst überall allein zelebriere, war mir hier nicht vergönnt. Im warmen Becken, mit hochaufgetürmten Badehauben, wurden hier die neuesten Geschichten über Arzt- und Rehaaufenthalte, über neue Hüften, Knie- oder sonstigen Gelenksersatz, ausgetauscht.

Natürlich hatte ich meine Ohrstöpsel mit und deshalb herrschte bald Ruhe in meinem Kopf und da, wie gesagt, viel Platz und Raum hier war, konnte ich mich immer wieder an einen schönen Ort der Stille zurückziehen.
Aber … es war anders als sonst.

Ich sah mich einfach selbst. All das genießend, was die Jugend gar nicht sucht! Weil es für sie selbstverständlich ist. Junge Leute machen keine Wellnessurlaube! Die wollen was erleben. Fremdes, Unbekanntes sehen.
Harte Betten, überfüllte Strände, nächtliche Kakophonien unter ihren Fenstern, sind für sie kein Grund, sich Urlaube vermiesen zu lassen. Sie kennen keine Angst vor Eiswürfeln aus unsauberem Wasser, nicht vor Kakerlaken in südlichen Gefilden, unsicheren Autos oder steilen unbefestigten Wegen auf dem Weg zum Gipfelkreuz.

Nur für uns Ältere sind Genuss von Raum und Stille, ein weiches Bett, gutes Essen und aufmerksame, um unser Wohl besorgte junge Menschen das, was wir uns nie erwarten konnten.

Und noch etwas machte mir schwer zu schaffen.
Meine Generation und die davor, wir sind es, die den Großteil des Tourismus in unserem Land erhalten. Ein Wirtschaftsfaktor, der sich in solche Feudalghettos treiben lässt, weil genau das an uns erkannt wurde. Denn junge Menschen interessiert das einerseits nicht und andererseits können sich Familien diese Art der Ferien wohl nicht leisten.

Ich sagte bisher immer – Ich fühle mich, wie ich mich fühle. Weiß nicht, ob das älter oder jünger ist als ich bin. Alt fühle ich mich jedenfalls nicht. Und manipulierbar bin ich nur schwer.
Und nun?
Ja, ich fühlte mich plötzlich alt und werde darüber manipuliert. Denn ich bin mitten drin.

Auch mich wird das nicht daran hindern, wieder einen solchen Urlaub zu machen.
Das nächste Mal allerdings wieder in einem Seminarhotel. Da rennen so viele junge, aktive Menschen herum. Und nur abends, denn tagsüber sind sie in ihren Seminaren …

© evelyne w.

panorama

 

Lumpazivagabundus – Theater in der Josefstadt – 5.4.2012

Lumpazivagabundus von Johann Nestroy

Gibt es jemanden, der die Geschichte nicht kennt?
Für diesen sei sie kurz erzählt.
Im Feenreich will Hilaris, der Sohn des Zauberers Mystifax Brillantine, die Tochter der Glücksfee Fortuna heiraten. Doch diese befindet sich im Streit mit der Liebesfee Amorosa und schließt deshalb eine Wette mit ihr ab.
Drei vagabundierende Handwerksgesellen, der Tischler Leim, der Schuster Knieriem und der Schneider Zwirn sollen dem bösen Geist Lumpazivagabundus entrissen werden. Fortuna meint, nur ihr Geld könnte sie befreien, Amorosa ist davon überzeugt, dass dies nur die Liebe kann.
Sollten mindestens zwei von den dreien Fortunas Gaben nicht halten können, hat sie die Wette verloren und muss ihre Einwillung zu der Hochzeit ihrer Tochter geben.

Das liederliche Kleebatt gewinnt mit einem Glückslos 100.000 Taler und beschließt daraufhin ein Treffen nach Jahresfrist.

Zur Inszenierung von Georg Schmiedleitner. Wie vorher schon befürchtet, wieder das gleiche Trauerspiel wie vor ein paar Wochen im Volkstheater. Eine Aufführung, die eher an ein Comic erinnert als an Nestroy: Schrille Bilder mit Sprechblasen. Kein Raum um dem tieferen Sinn der Geschichte über Text und Darstellung auf die Spur zu kommen.

Das Bühnenbild selbst hätte mich diesmal noch nicht so gestört, eine eher karge Darstellung des Universums mit dunklen Wänden und Sternen. Nicht sehr schön, aber zumindest nicht erdrückend. Obwohl die Neonröhren-Dekoration auch hier Einzug gehalten hat.
Echt störend – die laute Live-Musik im Hintergrund der Bühne. Die an und für sich exzellenten Musiker der Sofa Surfers wurden teilweise so laut verheizt, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.
Und beinahe selbstverständlich fehlten bei dieser Art von Musik die Couplets, die eigentlich ein wesentlicher Bestandteil jedes Nestroy-Stückes sind.

Was mir persönlich in jedem Fall fehlte: die Spielfreude, die zu einem Nestroy für mich gehört. Hier wird „gearbeitet“. Mich wundert es nicht. Wenn ich Schauspieler wäre, könnte ich hier wohl auch keine Freude am Spiel finden.

Ensemble:

Jahrelang hatte ich ein Abo in diesem Theater. Und die Besetzungsliste bot mir im Vorfeld Wiedersehensfreude mit vielen klingenden Namen aus dieser Zeit. Allerdings waren die wunderbaren Schauspieler, die dieses Haus jahrzehntelang getragen hatten, nun in kleinen Nebenrollen besetzt.
Die junge Riege konnte mich nicht überzeugen.

Knieriem, Martin Zauner blieb blass und konturlos. Ich konnte ihm den philosophischen Säufer nicht abnehmen.
Leim, Rafael Schuchter, steif bis hin zum holprigen Versuch seiner Bühnensprache Dialektfärbung zu geben.
Einzig Florian Teichtmeister ist einigermaßen überzeugend in seiner Rolle als Zwirn.
Aber wer, wie ich, vor einigen Jahren Karl Markovics in dieser Rolle gesehen hat, ist wahrscheinlich bis an sein Lebensende sowieso für andere Zwirns verdorben …

Die Granden der Josefstadt, Lotte Ledl, Marianne Nentwich, Marianne Chappuis, Gideon Singer und Alexander Wächter blieben ebenfalls weit hinter meinen Erwartungen zurück, aber was sollten sie auch schon in ihren Rollen Tolles zeigen.

Doch überstrahlt und zum Erfolg gepusht wird diese Aufführung von einer grandiosen Erni Mangold als Lumpazivagabundus. Die Frau ist 85, spielt mit künstlicher Glatze und schwarzem, hochgeschlitzten Kleid mit tiefem Rückendekollete diese Rolle als erotischer Vamp. Sie wirft die Beine, wiegt die Hüften und ist so unglaublich, dass mir die Worte fehlen, zu beschreiben, was sie auf die Bühne bringt.
Um ihr zusehen zu können, lohnte es sich, all das andere in Kauf zu nehmen!

Jubelnde Kritiken, aber auch Szenenfotos unter Josefstadt – Lumpazivagabundus
(Leider sind die Szenenfotos des Theaters in der Josefstadt offensichtlich bei einer der Proben gemacht und Erni Mangold hat ihre Glatzenhaube noch nicht auf. Denn sie ist damit absolut toll anzusehen. Und besonders erwähnen möchte ich hier noch ihre erstaunliche Rückenansicht, um die sie viele Frauen, die um einige Jahrzehnte jünger sind, beneiden könnten.)

Ich denke mit Wehmut an die Zeiten, als ich einfach noch gerne ins Theater ging. Dass es mir Freude machte. Heute sitze ich dort und muss mir mit Mühe einen Brocken heraussuchen, der diese Abende nicht zu Zeitverlust deklassiert.
Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Ewiggestrige bin und mit vielem in dieser vordergründigen Zeitgeistzeit nichts anfangen kann.
Ich denke nämlich auch, dass alle, die Stücke auf diese Art inszenieren wollen, sich heute welche schreiben lassen sollten. Ob diese dann in 100 oder 200 Jahren allerdings noch immer Gültigkeit hätten, wage ich zu bezweifeln.

 

Und jetzt das Buch!


Es wird ein Buch geben! Für dieses, mein Herzensprojekt!
Illustriert mit den Bildern meines Zyklusses „Griselinas – Dementia“
Meine Freude ist riesengroß!

Veröffentlichung 25. April 2012

in der umarmung des vergessens

Nähere Infos unter In der Umarmung des Vergessens

Klappentext:

Dementielles.
Ein Wort. Ein Begriff, mit dem nicht jeder etwas anfangen kann.
Ein Untertitel für eine Sammlung, die es bisher in dieser Art noch nicht gab.

Es geht um Demenz. Das liegt wohl auf der Hand.
Evelyne Weissenbach beschäftigt sich auf verschiedene Art und Weise mit dieser Thematik.
Einerseits in kleinen Geschichten über Begegnungen mit demenzkranken Menschen.
Andererseits in nachdenklichen Texten mit Validationshintergrund.
In den Schreibpausen – Versuche, ihre Gefühle mit dem Pinsel auszudrücken.

Doch dann kommt das bisher Einzigartige dazu.
Auf der Suche nach Texten, die sie bei einer Lesung in einem Pflegeheim verwenden könnte, musste die Autorin feststellen, dass es für diese Menschengruppe keine literarischen Texte gab.
Darin sah sie eine große Herausforderung und eine schöne Aufgabe.
Und sie schrieb
Gedichte und Kurzprosa FÜR Demente.
Um jenen Menschen kleine Erinnerungen zu bescheren, die in der Umarmung des Vergessens leben.

Dementielles.
Ein Wort. Ein Begriff, der Berührendes beinhaltet.

 

sternenblues

 
aus sternennacht
wälzt sich der blues
schleppt dunkle töne
in das lied der sehnsucht

hinter verbissenem mund
zieht atem flache kreise
aus leeren augen
rieselt schwarzes salz

in brünstig‘ blut
ein saxophon verzittert

aus weicher kehle
stürzt ein stummer schrei

© evelyne w.

sternenblues - audio

 

Der einsame Weg – Wiener Volkstheater, 18.3.2012

 
Der einsame Weg von Arthur Schnitzler

Inhalt:
Rund um das Geschwisterpaar Felix und Johanna, beide Anfang zwanzig, entrollt sich eine Geschichte, die eigentlich vor deren Geburt spielte.
Drei Künstlerfreunde, trafen damals die Entscheidungen, die ihren Lebensweg bestimmten.
Ein Maler, der als große Hoffnung galt, diese aber dann leider nicht erfüllen konnte, ein nun einigermaßen erfolgreicher Dichter und den dritten führte sein Weg in die Beamtenprofessur und zu Familie. Er ist auch der Vater der beiden jungen Leute.

Bis zu diesem Zeitpunkt geht jeder seinen Weg. Und es geht auch alles recht gut.
Doch nun ist die Mutter des Geschwisterpaares todkrank. Die Frau und Tochter des Dichters sind vor einiger Zeit mysteriös verstorben, er selbst wird von Todesahnungen heimgesucht und will sich auf den Weg zu Ausgrabungen nach Asien machen. Und der rastlose Maler kehrt von wechselnden Wirkungsstätten wieder zurück.

Gabriele bespricht sich mit ihrem Arzt, ob sie ihren Sohn vor ihrem Tod noch informieren soll, dass er der leibliche Sohn Julians, des Malers, ist. Dieser rät ab, weil mit diesem Geständnis nur Unruhe in das Leben all dieser Menschen kommen würde.

Doch Julian weiß, dass Felix sein Sohn ist und da ihn seine damals gewählte Freiheit auch in Einsamkeit getrieben hat, und die Malerei keinen wirksamen Ersatz bietet, klärt er Felix nach dem Tod Gabrieles über die damaligen Vorgänge auf.
Der Sohn will von ihm nichts wissen. Die Sympathie die der junge Mann vorher dem Künstler entgegenbrachte, schlägt in Abscheu um. Um dieser ganzen Situation zu entrinnen, will er sich mit von Sala auf den Weg nach Asien machen.
Bevor es dazu kommt, trifft den Professor ein neuer Schicksalsschlag. Die labile Johanna, die sich auf eine Affäre mit Stephan von Sala eingelassen hat, verkraftet im Bewusstsein seines nahenden Todes dessen Heiratsantrag und die Aufforderung, mit ihm zu reisen, nicht und ist plötzlich verschwunden.
Felix will daraufhin nicht nach Asien reisen, was der Professor aber nicht zulässt, weil er ein solches Opfer seines Sohnes nicht annehmen will.
Julian muss erkennen, dass er in seinem Sohn zwar nun einen nicht wieder gutzumachenden Zwiespalt durch das Wissen um die wahre Vaterschaft erzeugt hat und dem jungen Mann das Bild seiner Mutter verdunkelte, aber auch, dass er dadurch für sich nichts gewonnen hat, weil dieser sich dem einsamen Familienvater viel näher verbunden fühlt.
Von Sala folgt Johanna, als er sie findet.

Vom Inhalt her fand ich das Stück sehr aussagekräftig. Die Einsamkeit der Lebenswege kommt gut heraus. Auch wie Menschen ohne Rücksicht darauf, ob sie andere damit verletzen, ihre Ziele verfolgen, der Einsamkeit entfliehen zu wollen. Die mangelnde Verantwortung für eigene Taten in das Mäntelchen der Wahrheitsbringung hüllen.
Die Sprache Schnitzlers gefällt mir von Haus aus gut. Die Dialoge finde ich sehr interessant.

Doch der Abend war für mich eine Enttäuschung, beinahe auf der ganzen Linie.

Inszenierung:
Ich habe es schon öfter gesagt – ich habe ein schlichtes Gemüt. Ich bin eine Theaterliebhaberin des alten Schlages. Ich kann mit dem modernen Regietheater nichts anfangen. Mit der Transferierung eines Stoffes in die Gegenwart.
Ich finde, das ist das Tolle an einem Theaterstück, dass es in einer anderen Epoche geschrieben sein kann, und dennoch heute Gültigkeit hat. Doch dafür lasse ich mich wesentlich lieber auf den Autor ein, als auf den Regisseur, der mir seine Version nun unterjubeln möchte.

Hier in dieser Inszenierung von Alexander Nerlich ist das für mich wieder genauso geschehen.

Gut, ich bin Wienerin und Schnitzler verbindet unsereine gerne mit Wiener Lautmalerei. Die fehlt hier natürlich total. Das harte Deutsch-Deutsch nimmt dem Text eindeutig die Zwischentöne.
Genauso finde ich auch immer den Kontrast so besonders prickelnd, zwischen den vordergründig steifen, mondän-kultivierten schnitzlerischen Figuren und den hintergründigen Abgründen.
Nichts davon wird hier mehr Raum gegeben. Hier braucht man kein Feingefühl, um hinter die Fassaden schauen zu können, hier wird einem mit dem Holzhammer, mit Neon und einem Liebhaber im Gazefummel eine Kasperliade der Einsamkeit vorgeführt.

Wie ich schon weiter vorne schrieb – das liegt mit Sicherheit an mir. Ich habe eine andere Auffassung von gutem Theater.
Aber ich würde gerne einmal schlüssig erklärt bekommen, was man damit ausdrücken will, wenn man einen weißen Bühnenraum mit senkrechten Neonstäben ausstattet. Oder vom Schnürboden undefinierbare riesige Flächen herabseilt, auf die einzelne Worte geschrieben werden. Oder warum man einen Garten darstellt, indem man eine Frau in ein durchsichtiges Plastikzelt mit einem Kaktus setzt. Die seltsamen Gewandungen und nackten Oberkörper (Gott sei Dank nur) der männlichen Darsteller sorgen auch nicht gerade für Verwöhnung der Augen der Zuseher.
Oder warum in einem Schnitzler-Stück plötzlich einer der Darsteller auf der Elektrogitarre einen Beatles-Song interpretieren muss …

Und diese Quälerei dauert sage und schreibe 2 Stunden 45 Minuten. Dass von der Pause mindestens ein Viertel der Zuschauer nicht mehr zurück gekommen ist, hat mich persönlich nicht verwundert.

Das Tolle an einem Schnitzler-Stück sind für mich Sprache und Dialog. Dadurch arbeitet er die Unterschwelligkeit der Handlung heraus. Bei einem Schau-Stück hätte es das ja nicht gebraucht! Da ginge das alles viel schneller. Und vor allem lenkt das alles ja vom Text ab. Und das finde ich als eine Rücksichtslosigkeit dem alten Schnitzler gegenüber.

Nun gut, also hier gab’s für mich keinen Blumentopf zu holen.
Warum ich nach der Pause dennoch wieder zurückkehrte, will ich aber auch nicht verschweigen.

Ensemble:
Allen voran – Günther Franzmeiers wegen, in der Rolle des Julian. Ich bin seit Jahren ein Fan von ihm und auch hier hat er mich nicht enttäuscht. Dieser Mann ist zwar nicht schön anzusehen, aber gut anzusehen ist er für mich noch in jeder Rolle gewesen.

Aber auch das sonstige Ensemble hat mich schauspielerisch absolut befriedigt.

Erwin Ebenbauer – in der Rolle des Professor Wegrat, auch einer meiner Lieblinge am Volkstheater. Seit Jahrzehnten Ensemblemitglied. Immer unspektakulär besetzt und dabei stets verlässlich solide und mit toller Sprache.

Rainer Frieb – einer der Grenzgänger am Volkstheater ist in der Rolle des Arztes ein wenig unterbesetzt, aber ich freue mich immer, ihn zu sehen.

Nanette Waidmann – bringt eine etwas verhuschte Johanna sehr gut herüber. Und sie bringt tolle Erotik in die Szenen mit

Denis Petkovic – dem Stephan von Sala. Dieser ist zwar nicht schlecht gewesen, aber der war halt so gar nicht meins. Ist er doch einer von den eher härter sprechenden deutschen Schauspielern, die für mich mit Schnitzler so gar nicht gut zusammen passen. Aber dafür kann er nichts. Er hat sich sicher nicht selbst besetzt.

Alles in allem wusste ich, warum ich nach 20 Jahren mein Volkstheater-Abo kündigte, als die neue Ära dort eingeleitet wurde. Mehrere solcher Vorstellungen im Jahr würde ich nicht durchhalten, auch nicht mit so tollen Schauspielern. Da les ich den Schnitzler lieber.

– Beschreibung der Aufführung und kleines Video
– Fotos
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