{"id":122,"date":"2011-06-25T23:18:50","date_gmt":"2011-06-25T21:18:50","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=122"},"modified":"2011-06-25T23:18:50","modified_gmt":"2011-06-25T21:18:50","slug":"flossenburg-2011-v-das-tal-des-todes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=122","title":{"rendered":"Flossenb\u00fcrg 2011 &#8211; V. Das Tal des Todes"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"3\">Ich brauchte einige Augenblicke, als ich aus dem D\u00e4mmerlicht der Kapelle trat, um mich wieder in die Gegenwartsrealit\u00e4t einzufinden. Meine Sinne hatten sich f\u00fcr Erfahrungen ge\u00f6ffnet gehabt, die einige Kraft erforderten. Ich hielt mich am Gel\u00e4nder fest, das vor der Kapelle den Weg begrenzte.<br \/>\nUnd blickte &#8211; in das &#8222;Tal des Todes&#8220; &#8230; die extra angelegte eigentliche Gedenkst\u00e4tte von Flossenb\u00fcrg. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48058.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Das Areal befindet sich bereits au\u00dferhalb des ehemaligen Lagers, was aber nicht hei\u00dft, dass dieses Gel\u00e4nde f\u00fcr den Lagerbetrieb nicht in Verwendung war.<br \/>\nNicht ohne Grund hat dieser Platz seinen Namen. <\/p>\n<p>Von meinem Standpunkt aus wirkte das am rechten hinteren Ende der Anlage befindliche Krematorium klein und unscheinbar. Einzig der schmale hohe Schlot winkte wie ein grausiger Knochenfinger.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48061.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Die Rampe des Todes war von hier aus nur eine Schr\u00e4ge, die von der Mauer herabf\u00fchrte. Doch ich wusste, auf dieser Rampe wurde eine Transportlore zum au\u00dferhalb des Lagers liegenden Krematorium gef\u00fchrt. Als der Ofen die vielen Toten nicht mehr fasste, wurden die Leichen einfach im Freien verbrannt. In der Mitte des Platzes mahnte die Aschepyramide daran.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48058pyr.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Ich machte mich auf den Weg, die Stufen hinab. Auf der rechten Seite empfing mich ein Gedenkstein f\u00fcr die j\u00fcdischen Opfer. Ein Besucher hatte eine Rose abgelegt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48060.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"360\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p>Dann trat ich auf den Platz der Nationen, wo Grabplatten als Gedenktafeln f\u00fcr jede Nation angeordnet sind, die hier Opfer zu beklagen hat. Ich bedauerte, mich vorher nicht besser informiert zu haben. Gerne h\u00e4tte ich ebenfalls Blumen auf den Grabstein meiner Landsleute gelegt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48062.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"360\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p>So legte ich Worte ab. Dankbare und bewundernde.<br \/>\nIch m\u00f6chte mir euch gerne als Vorbild nehmen, sagte ich. Auch f\u00fcr meine, neben euren Erlebnissen so klein wirkenden Situationen. So viel Mut, soviel Kraft und St\u00e4rke habt ihr bewiesen. Ihr habt der Welt viel gegeben. Das kann nicht jeder von sich sagen. Ihr habt mir gezeigt, worauf es wirklich im Leben ankommt.<br \/>\nLangsam ging ich weiter, blieb noch bei so manchem Grabstein stehen, um meine Worte zu wiederholen. <\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurde der Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen wieder unsicher. Irritiert blieb ich stehen. Ist hier sumpfiges Gel\u00e4nde?, dachte ich.<br \/>\nDoch das schwammige Gef\u00fchl verteilte sich von meinem Bauch aus. Er f\u00fchlte sich an wie Gelee und nach oben hin wurde die Luft merklich d\u00fcnner. Ich hielt den Atem an und zog die Schultern ein, meine Schritte wurden schleichend, ich setzte sie konzentriert und mit auf den Boden gerichteten Augen.<\/p>\n<p>Als ich den Blick endlich hob, stand ich an der Vorderseite der Aschepyramide. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48065.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/30066.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Sofort schloss ich die Augen wieder. Ganz tief senkte ich mich in mein Gef\u00fchl hinab.<br \/>\nJetzt nur nicht davonlaufen, dachte ich immer wieder. Du willst hier durch und nicht daneben vorbei!<br \/>\nWenigstens so viel Mut musste ich doch aufbringen k\u00f6nnen. Ich war ein freier Mensch. Und vor meinen Gef\u00fchlen \u00e4ngstigte ich mich schon lange nicht mehr. Dachte ich zumindest bisher&#8230;<\/p>\n<p>Doch &#8211; Ich stand auf dem Hinrichtungsplatz! Blut stieg in meine Beine, ich sp\u00fcrte es deutlich. <\/p>\n<p>Wieder versuchte ich, meinen Atem zu befreien, der meinen Hals zusammenpresste.<br \/>\nEinatmen, ausatmen &#8211; einatmen, ausatmen! Mein eigener Befehl f\u00fcr solche Situationen. In den Bauch einatmen!  Und beim Ausamten aufrichten!<br \/>\nIch stand auf dem Hinrichtungsplatz und machte gezielt meine Atem\u00fcbungen. Das hatte mir schon in so vielen Situationen geholfen &#8230;<\/p>\n<p>Und auch hier. Ich sp\u00fcrte, wie das Blut nicht mehr in den Beinen zu stocken drohte. Mein K\u00f6rper belebte sich sp\u00fcrbar. Es war MEIN Blut, das wieder durch mich str\u00f6mte. Das Blut aus dem Boden hatte sich damit vermengt. Und es war nicht der Tod, den ich sp\u00fcrte, sondern das Leben.<\/p>\n<p>Hier ist offensichtlich noch zu wenig Gras gewachsen, dachte ich. Vielleicht konnte an solchen Pl\u00e4tzen auch gar niemals genug Gras wachsen, wo so gezielt entmenschlicht gehandelt wurde. <\/p>\n<p>Ich drehte mich um und stieg mit festen Schritten zum Krematorium hinauf.<br \/>\nViel Atem ben\u00f6tigte ich, um den Ofen wirklich ansehen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48067.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Und auch der steinerne Seziertisch forderte mich und meine sensitive Wahrnehmung stark heraus. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48071.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Hier half mir ebenfalls nur meine Besinnung auf das, was ich sp\u00fcrte. Ich musste das Denken ausschalten, dann konnte die Liebe in mir hochsteigen, das wusste ich. Es war nicht leicht, aber es gelang. Langsam senkte sich Traurigkeit \u00fcber mich und verdr\u00e4ngte die Angst. Und Traurigkeit ist ein warmes Gef\u00fchl, das Tr\u00e4nen verwendet, um die Seele auszusp\u00fclen.<br \/>\nIch lie\u00df meine Tr\u00e4nen hier zur\u00fcck, als Gabe f\u00fcr die Seelen, die in diesen R\u00e4umen noch nicht zur Ruhe gekommen waren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48065_1.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><\/font><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/12\/flossenbuergg-2011\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil I &#8211; Ankunft<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/08\/flossenburg-2011-der-appellplatz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil II &#8211; Der Appellplatz<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/02\/flossenburg-2011-gedenkstatten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil III &#8211; Gedenkst\u00e4tten<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/06\/30\/flossenburg-2011-iv-die-kapelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil IV &#8211; Die Kapelle<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/06\/24\/flossenburg-2011-ende-des-rundgangs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Teil VI &#8211; Ende des Rundgangs &gt;&gt;&gt; <\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich brauchte einige Augenblicke, als ich aus dem D\u00e4mmerlicht der Kapelle trat, um mich wieder in die Gegenwartsrealit\u00e4t einzufinden. 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