{"id":177,"date":"2011-07-17T13:41:51","date_gmt":"2011-07-17T11:41:51","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=177"},"modified":"2011-07-17T13:41:51","modified_gmt":"2011-07-17T11:41:51","slug":"177","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=177","title":{"rendered":"Der Schn\u00f6rksel"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"4\"><strong>Selbstironie und \u00dcberhebung<\/strong><\/font><\/p>\n<p>Zitat aus dem W\u00f6rterbuch:<br \/>\n<font size=\"3\"><strong>Schn\u00f6rkel<\/strong>, der &#8211; Beiwerk, Zierat \u00fcberreiche Verzierung, stilistische \u00dcbetriebenheit<br \/>\n<strong>Verschn\u00f6rkelung<\/strong>, die &#8211; Zierde, Dekor, Rankenwerk<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich nenne den Schn\u00f6rkel lieber liebevoll Schn\u00f6rksel &#8211; das klingt f\u00fcr mich ansprechender als Bestandteil einer Pers\u00f6nlichkeit -, auch wenn nicht alle auf den ersten Blick gar so liebensw\u00fcrdig erscheinen.<\/p>\n<p>Als Grundlage besehen wir uns nun einmal den baulichen Schn\u00f6rkel. Was soll dieser bewirken? Er soll eine gerade klare Baulinie &#8222;versch\u00f6nern&#8220;. Wir sollen das Gesamtwerk gerne <em>anschauen<\/em> wollen, es sch\u00f6n finden, es <em>lieben<\/em>. Doch er versch\u00f6nert nur die Fassade und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf sich und diese Fassade. Er stellt sich damit eindeutig zwischen den Betrachter und das Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Auch der stilistische Schn\u00f6rkel lenkt die Aufmerksamkeit in erster Linie auf sich. Die \u00dcberzeichnung kann zum Selbstzweck werden. Der Stil wird dann \u00fcber den Inhalt gestellt.<\/p>\n<p>Was wir nun an diesen beiden Beispielen bereits erkennen k\u00f6nnen, ist, dass der Schn\u00f6rkel von Inhalt und gerader Linie ablenkt, auch wenn ihm diese Rolle vielleicht urspr\u00fcnglich nicht zugedacht war. Vielleicht h\u00e4tte er urspr\u00fcnglich auf den Inhalt aufmerksam machen sollen. Von der geraden Linie lenkt er aber in jedem Fall ab. Doch auch, wenn er auf den Inhalt aufmerksam machen sollte, ist als Grundvoraussetzung daf\u00fcr einmal anzusehen, dass der Inhalt ohne Schn\u00f6rkel nicht interessant genug w\u00e4re. Oder, nicht sch\u00f6n genug w\u00e4re. Oder gar absto\u00dfend wirken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und damit sind wir auch bereits beim pers\u00f6nlichen Schn\u00f6rkel angelangt, in Folge nur mehr <strong><em>Schn\u00f6rksel<\/em><\/strong> genannt.<\/p>\n<p>Auch der Schn\u00f6rksel hat die Aufgabe, die dahinter liegende Pers\u00f6nlichkeit optisch aufzuputzen, um so eine Ann\u00e4herung an die Gemeinschaft zu erleichtern. Doch auch hier hat er eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Auch der Schn\u00f6rksel lenkt in erster Linie von der dahinter liegenden Person ab.<br \/>\nUnd genau dieser Vorgang ist von der Pers\u00f6nlichkeit gew\u00fcnscht, wenn auch meistens unbewusst!<br \/>\nNun kommt aber noch ein wesentlicher Faktor dazu: Nachdem sich eine Pers\u00f6nlichkeit diese Schn\u00f6rksel ja selbst aufsetzen muss &#8211; sie werden nicht von einem Baumeister angefertigt und angebracht, ben\u00f6tigt diese Person enormen Energieaufwand daf\u00fcr. Dieser muss nat\u00fcrlich aus anderen Bereichen abgezogen werden und kann man so eigentlich leicht die Energie<em>vergeudung<\/em> entlarven, dient er doch nicht der Entwicklung einer Pers\u00f6nlichkeit, sondern der Ablenkung <em>von<\/em> dieser Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nDer pers\u00f6nliche Schn\u00f6rksel kennzeichnet also nicht den verschn\u00f6rkelt versch\u00f6nerten Zustand einer Person oder Pers\u00f6nlichkeit, sondern den <em>energieaufw\u00e4ndigen Vorgang der Ablenkung<\/em> vom Inhalt seiner Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr verschwendet nun der Schn\u00f6rksler seine Energie?<\/p>\n<p>Die sympathischere Form ist wohl die <strong>Selbstironie<\/strong>.<br \/>\nDer Schn\u00f6rksler weist also einigerma\u00dfen humorvoll auf seine Unzul\u00e4nglichkeiten hin und schl\u00e4gt damit nun einmal gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe auf seinem Weg in die Gemeinschaft.<br \/>\nAls erstes signalisiert er damit einemal rationalen Verstand. Er <em>wei\u00df<\/em> worum&#8217;s geht.<br \/>\nAls zweites signalisiert er damit eine gewisse Ohnmacht, die aber doch nur &#8222;menschlich&#8220; ist.<br \/>\nDrittens signalisiert er damit eine gewisse Aufbruchsstimmung, die ihn wieder viertens der Verantwortung enthebt, bestimmte Aktionen zu setzen.<br \/>\nUnd f\u00fcnftens bietet er damit der eigenen Pers\u00f6nlichkeit enormen Schutz, liefert er sich doch sofort den rationalen Grund f\u00fcr Zur\u00fcckweisung, Unverst\u00e4ndnis, Kommunikationsprobleme, Liebesverlust, mangelnde Selbstliebe, aber auch mangelnde Liebesbereitschaft und Beziehungsunf\u00e4higkeit, usw. Die Kennzeichung des mangelnden Selbstwertgef\u00fchls ist ja wohl gegeben.<\/p>\n<p><em>Der gerade Weg<\/em>, um nun ein anderes Schlagwort zu gebrauchen, w\u00e4re aber eindeutig (und ganz einfach), eine Aktion zu setzen, die alle diese Vorg\u00e4nge nicht notwendig machen w\u00fcrde. Das hei\u00dft nicht mehr und nicht weniger, die pers\u00f6nliche Energie daf\u00fcr zu verwenden, dem Menschsein gerecht zu werden, als sie darauf zu ver(sch)wenden, zu erkl\u00e4ren, warum man der menschlichen Anforderung <em>nicht<\/em> gerecht wird.<\/p>\n<p>Wie wir nun sehen, ist die Selbstironie wohl ein charmanter Beitrag zur Kommunikation (selbstironische Menschen werden von ihrer Umgebung meistens gern gesehen), doch liegen ihr die gleichen Ursachen zugrunde, wie z. B. der \u00dcberhebung, die doch aber eine wesentlich uncharmantere Kommunikationsform darstellt.<br \/>\nTatsache ist, dass die Selbstironie nichts anderes ist, als psychologisches Training, und in erster Linie negatives Training! Aus der dauernden Signalisierung an das Unterbewusstsein <em>ich wei\u00df es, aber ich kann nichts machen<\/em>, entsteht nat\u00fcrlich ein schwerer Konflikt in der Pers\u00f6nlichkeit. Weiters bringt ein ewiges Vorsagen der eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten ein Anerkennen derselben mit sich, eine Ver\u00e4nderung ist deshalb ausgeschlossen.<br \/>\nWie bei allem auftretenden Humor liegt diesem letztendlich die pers\u00f6nliche Wahrheit zugrunde. Selbstverst\u00e4ndlich ist Humor, und somit auch die Selbstironie, sogar Ironie und Zynismus, wenn sie sich nicht wirklich nur gegen einzelne Personen richten, ein ganz wichtiger Bestandteil der menschlichen Kommunikation. Doch sollte eben auch Humor in allen seinen auftretenden Erscheinungsformen zur Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit und auch der Gemeinschaft beitragen. Humor in seiner reinsten Form sollte der Lebensfreude entspringen oder dienen und sich nicht aus der Freude an Unzul\u00e4nglichkeiten irgendwelcher Personen oder Pers\u00f6nlichkeiten ableiten. Selbstironie sollte so gesehen also anregen, zu hinterfragen, was damit erreicht oder auch abgesichert werden soll.<\/p>\n<p>Es sollte herausgefunden werden, wovon dieser Schn\u00f6rksel ablenken soll, warum die dahinter liegende gerade Baulinie versch\u00f6nert werden soll, warum sie vermeintlich nicht ausreicht, um andere Menschen zum Eintritt in dieses Haus zu verleiten.<\/p>\n<p>Es gibt aber nicht nur Schn\u00f6rksel, die der Versch\u00f6nerung dienen. Eine weitere begriffliche Defintion der Verschn\u00f6rkelung wird mit <em>Rankenwerk<\/em> gesetzt.<br \/>\nNun, diese Defintion weist uns ja f\u00f6rmlich auf den pers\u00f6nlichen Schn\u00f6rksel hin. Umso dichter dieses Rankenwerk gestaltet wird, desto uneinsehbarer wird logischerweise die Pers\u00f6nlichkeit. Wie oft aber werden auch Bauwerke nur mehr vom \u00e4u\u00dferlichen Rankenwerk zusammen gehalten. Sie sind auch wundersch\u00f6n anzuschauen, doch wird ein St\u00fcck der gro\u00dfartigen Verzierung abgehoben, sieht man, dass die darunter liegende Fassade schwerst besch\u00e4dgit ist. Wird dieses Rankenwerk nun gar beseitigt, dann kann es passieren, dass aufgrund des Wegfallens der \u00e4u\u00dferlichen St\u00fctze das ganze Geb\u00e4ude zusammenbricht.<\/p>\n<p>Es ist also klar erkennbar, dass dieses Rankenwerk nun nicht nur der Versch\u00f6nerung dient (vielleicht handelt es sich sogar um Ornamente, die fast niemandem gefallen), sondern dass es vielmehr zum wichtigen <em>St\u00fctzwerk<\/em> geworden ist.<\/p>\n<p>Genauso ist es nat\u00fcrlich auch wieder bei unserem Schn\u00f6rksel. Er fungiert also nicht nur f\u00fcr die charmante Selbstironie als Selbstzweck, sondern f\u00fcr alle psychologischen Vrog\u00e4nge, die der Abgrenzung einer Pers\u00f6nlichkeit dienen. Und damit auch der wesentlich unsympathischeren <em>\u00dcberhebung<\/em>.<\/p>\n<p>Auch die <strong>\u00dcberhebung<\/strong> sichert eine m\u00f6gliche Zur\u00fcckweisung vorweg, liefert erstklassige Rationalisierungen f\u00fcr Nicht-verstanden-werden, mangelnde Liebesbereitschaft und auch Selbstliebe und verschleiert \u00e4u\u00dferst gekonnt geringes Selbstwertgef\u00fchl und die wirklichen Ursachen f\u00fcr Kommunikationsprobleme. Auch die Schn\u00f6rksel des \u00dcberheblichen sind aus dem gleichen &#8222;Material&#8220;: Der \u00fcberhebliche Schn\u00f6rksler verschwendet seine Energie ebenso auf den Vorgang der \u00dcberhebung, also f\u00fcr den Ausbau von Abgrenzung und Abwehr, anstatt sie f\u00fcr seine menschliche und spirituelle Entwicklung einzusetzen.<br \/>\nEr verwendet seine pers\u00f6nliche Arbeitskraft nicht daf\u00fcr, sein Haus zu bauen und in ihm zu wohnen, sondern er baut Z\u00e4une, Barrieren und schm\u00fcckendes Beiwerk. Und in der Zwischenzeit verf\u00e4llt sein Haus, wird ungem\u00fctlich und im Extremfall f\u00fcr ihn selbst letztendlich unbewohnbar.<\/p>\n<p>Auch hier sollte nun also herausgefunden werden, wovon der Schn\u00f6rksel ablenken soll. Warum es so wichtig erscheint, die Bausubstanz verbergen zu wollen, warum es so wichtig ist, den Anderen eine so perfekte Ansicht zu bieten, dass sie mit vor Staunen offenem Munde <em><strong>vor<\/strong><\/em> dem Haus stehen bleiben und es nicht zu betreten <em>wagen<\/em>.<\/font><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstironie und \u00dcberhebung Zitat aus dem W\u00f6rterbuch: Schn\u00f6rkel, der &#8211; Beiwerk, Zierat \u00fcberreiche Verzierung, stilistische \u00dcbetriebenheit Verschn\u00f6rkelung, die &#8211; Zierde, Dekor, Rankenwerk Ich pers\u00f6nlich nenne den Schn\u00f6rkel lieber liebevoll Schn\u00f6rksel &#8211; das klingt f\u00fcr mich ansprechender als Bestandteil einer Pers\u00f6nlichkeit -, auch wenn nicht alle auf den ersten Blick gar so liebensw\u00fcrdig erscheinen. Als Grundlage [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[7],"tags":[64,65,120,161,169,170,181,182,183,59],"class_list":["post-177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-wichtigkeit-des-seins","tag-bewusstmachung","tag-bewusstsein","tag-lebenshilfe","tag-philosophie","tag-psychologie","tag-psychologisches-training","tag-selbsterkenntnis","tag-selbsthilfe","tag-selbstironie","tag-uberhebung"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/s3ZwSb-177","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=177"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/177\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}