{"id":2504,"date":"2013-03-03T23:57:51","date_gmt":"2013-03-03T22:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=2504"},"modified":"2013-03-03T23:57:51","modified_gmt":"2013-03-03T22:57:51","slug":"ja-darf-die-natascha-denn-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=2504","title":{"rendered":"Ja, darf die Natascha denn das?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\n<font size=\"3\">Eigentlich wollte ich mich nun eher fr\u00fchlingshaften Themen, und am liebsten Gedichten, zuwenden. Aber nun l\u00e4sst mich doch wieder etwas gedanklich nicht los. Und es passt ja auch noch nahtlos zu meiner Artikelserie \u00fcber die Verhetzung. An diesem prominenten Fall l\u00e4sst sich meine Darstellung wieder perfekt best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Es geht um Natascha Kampusch.<\/p>\n<p>Ich bin nun absolut keine Insiderin, was ihre Geschichte betrifft. Ich habe mich immer nur kurz und lediglich informativ damit besch\u00e4ftigt. Mich gefreut, als sie entflohen ist und versucht, mit dem Grauen, das allein schon die Vorstellung ihres Leidensweges in mir ausl\u00f6ste, zurecht zu kommen.<br \/>\nDa ich, wie schon \u00f6fter mal erw\u00e4hnt, mich meinen \u00c4ngsten immer zu stellen versuche, hat mich das logischerweise ganz nah an ihre Seite gebracht.<br \/>\nIch muss diese Frau nicht aus pers\u00f6nlichen Verdr\u00e4ngungsgr\u00fcnden auf- oder abwerten.<\/p>\n<p>Um die &#8222;Wahrheit&#8220; ihrer Geschichte zu erfahren, war ich nie neu<em>gierig<\/em> genug. Daf\u00fcr habe ich viel zu viel Respekt vor den Intimbereichen anderer Menschen.<br \/>\nMich interessierte immer am meisten ihre Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nUnd diese ist wahrlich unglaublich. Unglaublich bewundernswert, nur dass hier nicht von Anfang an schon ein Missverst\u00e4ndnis entsteht.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte gar nicht darauf eingehen, dass ihr die Kindheit gestohlen wurde. So vielen Kindern wird die Kindheit gestohlen. Der Zeitgeistnachwuchs hat auch keine.<\/p>\n<p>Aber was sie daraus gemacht hat! Da k\u00f6nnten sich die Verw\u00f6hnungsopfer unserer Gesellschaft mehrere Scheiben abschneiden.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der 8 Jahre in dieser Form der Gefangenschaft verbringt, und zwar jene Jahre, die ihn wohl am meisten pr\u00e4gen, ein M\u00e4dchen, das in diesen Jahren zur Frau wird, das auf diese Weise dann aus dieser Zeit heraustritt, ringt mir unbeschreibliche Bewunderung ab.<\/p>\n<p>Ich habe einen Satz gelesen, den die Darstellerin des Kindes in dem Film &#8222;3096 Tage&#8220; gesagt haben soll: <em>&#8222;Sie hat das alles \u00fcberlebt. Vielleicht werde ich auch mal entf\u00fchrt. Wenn es passiert m\u00f6chte ich wissen, wie man es schafft, zu \u00fcberleben&#8220;.<\/em><br \/>\nIch bezweifle ein wenig, ob der wirklich von dem Kind stammt, aber ich als Erwachsene kann nur sagen: Ja, das m\u00f6chte ich bitte auch!<\/p>\n<p>Ich selber bin jemand, der sich gerne dazu entscheidet, am Leben zu reifen, egal was passiert. Aus dem Hier und Jetzt den n\u00e4chsten Schritt <em>nach vorne<\/em> setzen zu wollen.<br \/>\nAber selbstverst\u00e4ndlich wei\u00df ich ganz genau, dass mir das nicht immer gelingt. Und dass mir dabei oft sogar schon kleinste \u00c4ngstlein  im Wege stehen.<\/p>\n<p>Doch ich bin durch einen jahrzehntelangen Reifeprozess an diesen Punkt gelangt.<br \/>\nUnd nun das Kind! Und wie aus der Geschichte ebenfalls ans Licht kommt, ein Kind, das seine St\u00e4rke nicht aus dem Elternhaus mitbekommen hat.<br \/>\nOder vielleicht doch? Hat sich gerade durch die schwierige Heimsituation bereits der Halt in sich selber f\u00fcr das M\u00e4dchen herangebildet gehabt?<\/p>\n<p>Wie auch immer. Eines steht fest: Natascha Kampusch verhielt und verh\u00e4lt sich absolut anders, als wir es von Opfern kennen. Und so vermessen es klingt &#8211; ich kenne das von mir: Gezeigte St\u00e4rke macht Angst. Und fordert den Angriff heraus.<\/p>\n<p>Und so geschah es auch hier und geschieht es noch immer. Und nun nach dem Erscheinen des Filmes noch einmal verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Darf denn ein Opfer so etwas? Darf denn eine junge Frau Geld an ihrem leidensvollen Schicksal verdienen?<br \/>\nDas sind die moralinsauren Fragen, die in den Medien und Diskussionen derzeit im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>Das muss man sich wirklich einmal auf der Zunge oder sonstwo zergehen lassen. DAS ist es, wozu sich eine Mehrheit an Schreibern und Lesern anprangernd zu \u00e4u\u00dfern wagt.<\/p>\n<p>Menschen, die ihre Pubert\u00e4t in zeitgeistigen Scharm\u00fctzeln abwickeln, richten \u00fcber eine Frau, die unter h\u00e4rtesten und brutalsten Bedingungen heranwachsen musste.<br \/>\nEs sind die gleichen, die sich \u00fcber Millionen von Vergewaltigungs- und Kriegsopfern hinwegsetzen, beim t\u00e4glichen Konsum ihrer Medienkost.<br \/>\nVerdienen d\u00fcrften daran nur die Schreibtischt\u00e4ter und Kunstvorgaukler. Damit sie nur ja wieder weiter die \u00e4rgsten Gruselkick-Geschichten verbreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die neurotischen Ausw\u00fcchse dieser Zeitgeistpubertierer werden in ihrer beinahe Allgemeing\u00fcltigkeit als Ma\u00dfstab f\u00fcr die doch zwangsweise auftretenden neurotischen Ausw\u00fcchse einer Pubert\u00e4t in Gefangenschaft angesetzt!<\/p>\n<p>Dass diese Frau noch lange nicht \u00fcber den psychischen Berg ist, davon darf ausgegangen werden. Dass sie sich aber auf eine h\u00f6chst starke und charaktervolle Weise der weiteren Ausbeutung entgegenstellt, ist meines Erachtens nach, ihre einzige Chance, \u00fcberhaupt jemals dar\u00fcber hinwegzukommen!<\/p>\n<p>Und genau hier tummeln sich die Schreibtischt\u00e4ter und Vermarktungsk\u00fcnstler.<br \/>\nUnd auch hier paradieren sie auf den diversen Catwalks in ihren Aufdeck- und Aufr\u00fcttelm\u00e4ntelchen.<br \/>\nBeklatscht von der Front Row aus Voyeuren, Neidern und Zeigefingerhebern.<\/p>\n<p>Nicht Natascha Kampusch hat ihre Geschichte an die \u00d6ffentlichkeit getragen. Sie wurde aus ihr herausgehetzt.<br \/>\nEiner Jugendlichen, die ihre &#8222;Erziehung&#8220; unter furchtbarsten Bedingungen erfuhr, wurde nach ihrer Flucht kein Millimeter Intimit\u00e4t gelassen. Von ihr wurde andererseits aber erwartet, dass sie abgekl\u00e4rt und &#8222;richtig&#8220; reagierte.<br \/>\nJedes kleinste M\u00f6chtegernsternchen f\u00e4llt beim Anblick eines 100-Euro-Scheines, mit dem ein Fotograf winkt, nackig in dessen Arme und wuchs aber in &#8222;normalen&#8220; Verh\u00e4ltnissen auf.<\/p>\n<p>Natascha Kampusch war klug genug, den Spie\u00df einfach umzudrehen. Mit der psychischen Belastung ihrer Situation und ihrer Verfolgung muss sie sowieso umgehen. Es wird ihr noch lange keine Ruhe zugestanden werden.<br \/>\nDass sie auf sich selbst angewiesen ist, das hat sie unter h\u00e4rtesten Bedingungen gelernt. Diese Frau vertraut auf keinen Schutz durch die Gemeinschaft.<br \/>\nAber sie hat auch daraus gelernt, sich nicht noch weiter zum Opfer machen zu lassen.<br \/>\nIhre Opferzeit dauerte wahrlich schon lang genug f\u00fcr zig Menschenleben, nicht nur f\u00fcr eines.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob und wieviel Geld sie an ihrer Geschichte verdient. Ich verg\u00f6nne ihr jedenfalls jeden armseligen Euro! Nein, jede armselige Million, so es in diese Einnahmens-Dimensionen geht. Sie hat sich ihr Geld so hart verdient, wie nur selten jemand.<\/p>\n<p>Was den Film angeht und auch s\u00e4mtliche Randprodukte, die zum Fall Kampusch in die Vermarktungsmaschinerie gelangten, verweise ich auf meine Serie <a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2013\/02\/19\/die-schreibtischtater-i\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Schreibtischt\u00e4ter.<\/a><br \/>\nHier wird einfach B\u00f6ses in die Welt transportiert. Ohne jegliche humanistische Grundlage.<br \/>\nUnd &#8211; es wird lediglich das Opfer gehetzt!<\/p>\n<p>Der Film &#8230; Ohne ihn gesehen zu haben, unterschreibe ich den Satz eines Kritikers: Ein weiterer Film, den keiner braucht.<br \/>\nBer\u00fchrend war f\u00fcr mich daran lediglich, als Natascha Kampusch dazu sagte:<br \/>\n&#8222;Ich habe mich dazu entschlossen, weil so viele Menschen sagten, das war ja alles gar nicht so arg. Die werden es nun sehen und ihre Meinung \u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Natascha, wie gut ich deine Sehnsucht verstehen kann! Doch leider ist deine Klugheit in diesem Fall dem verst\u00e4ndlich frommen Wunsch aufgesessen.<br \/>\nDenn leider wird gerade das Gegenteil der Fall sein. Die Angriffsfl\u00e4che hat sich noch einmal vergr\u00f6\u00dfert. Es wurde bereits zum n\u00e4chsten Halali geblasen.<\/p>\n<p>Aber du schaffst es sicher auch, mit dieser entt\u00e4uschenden Erkenntnis umgehen zu k\u00f6nnen. Ich wei\u00df es und vor allem, ICH w\u00fcnsche es dir! <\/font><\/p>\n<p>\u00a9 evelyne w.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eigentlich wollte ich mich nun eher fr\u00fchlingshaften Themen, und am liebsten Gedichten, zuwenden. Aber nun l\u00e4sst mich doch wieder etwas gedanklich nicht los. Und es passt ja auch noch nahtlos zu meiner Artikelserie \u00fcber die Verhetzung. An diesem prominenten Fall l\u00e4sst sich meine Darstellung wieder perfekt best\u00e4tigen. Es geht um Natascha Kampusch. 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