{"id":2628,"date":"2013-04-05T14:49:42","date_gmt":"2013-04-05T12:49:42","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=2628"},"modified":"2013-04-05T14:49:42","modified_gmt":"2013-04-05T12:49:42","slug":"chuzpe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=2628","title":{"rendered":"Chuzpe &#8211; Wiener Kammerspiele &#8211; 4.4.2013"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\n<font size=\"3\">Lange musste ich mich bem\u00fchen, um endlich Karten zu ergattern. Seit Monaten ist die Vorstellung ausverkauft, bevor die Karten noch in den regul\u00e4ren Verkauf kommen.<br \/>\nAber vorgestern hatte ich Gl\u00fcck. Eben hatte jemand Karten zur\u00fcckgegeben, als ich (wahrscheinlich zum 100. Mal anrief) und da wir spontan sind, klappte es also nun gestern.<\/p>\n<p>Vor gut 5 oder 6 Jahren haben wir das Buch gelesen. Wir sind an und f\u00fcr sich Lily Brett-Fans, wenn es nicht gerade um ihr neuestes Buch geht, und deshalb blieb ich so am Dr\u00fccker. Weil es uns damals begeisterte.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich hat sich das Warten und die Hartn\u00e4ckigkeit gelohnt, soviel schon vorweg. <\/p>\n<p><strong>Inhalt:<\/strong><\/p>\n<p>Ruth lebt, mit ihrem Ehemann und ihren erwachsenen Kindern, in besten Verh\u00e4ltnissen in New York. Ihre Eltern waren j\u00fcdische Polen, die im Ghetto lebten und dann auch den Horror von Auschwitz miterleben mussten, bevor sie mit der kleinen Ruthie nach Australien auswanderten.<br \/>\nNun ist ihr Vater siebenundachtzig und \u00fcbersiedelt zu ihr nach New York.<br \/>\nSo sehr sie ihren Vater liebt, er bringt eine Unruhe in ihr Leben, mit der sie nur sehr schwer zurecht kommt.<br \/>\nAls dann auch noch Zofia und Walentyna, zwei Witwen, die er auf einer Polenreise kennen lernte,  in New York auftauchen, ist es mit Ruths Seelenfrieden ganz vorbei.<br \/>\nDie eingeschworene Di\u00e4tikerin muss miterleben, wie ihr Vater und die Damen ein Kl\u00f6pse-Restaurant er\u00f6ffnen. Ihre naive Bescheidenheit und ihr Tatendrang f\u00fchren jedes Marketing-Konzept ad absurdum. Ihre Kommunikationsfreude stellt die New Yorker Gesellschaft auf den Kopf.<\/p>\n<p>Die Inszenierung von <a href=\"http:\/\/www.dieterberner.de\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Dieter Berner<\/strong><\/a> hat einiges elegant gel\u00f6st, was uns im Vorfeld schwierig auf die B\u00fchne zu bringen schien. Ruth ist nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Erz\u00e4hlerin. Die Vermischung ist originell und absolut nicht st\u00f6rend.<br \/>\nAuch er behilft sich, wie nun schon \u00f6fter in den Kammerspielen erlebt, mit kleinen Videosequenzen, die ebenfalls sehr gut passen. Die minimalistische B\u00fchne ist o.k. und die Protagonisten sehen &#8222;normal&#8220; aus. Also keine neuzeitlichen Verfremdungen, wie sie heute oft Gang und G\u00e4be sind.<\/p>\n<p>Und die <strong>Darsteller<\/strong> &#8211; vom Feinsten!<\/p>\n<p>Eine idealere Besetzung als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Otto_Schenk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Otto Schenk<\/b><\/a> f\u00fcr den Edek h\u00e4tte man wohl derzeit nicht finden k\u00f6nnen. Das jiddisch Wienerische tut der Rolle gut, macht den Alten noch verschmitzter. Abgesehen davon, dass es eine Riesenfreude ist, den gro\u00dfen Charakterdarsteller in seinem Alter noch so erfrischend kom\u00f6diantisch auf der B\u00fchne erleben zu k\u00f6nnen. Genau deshalb passt er ja wohl auch so gut.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sandra_Cervik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Sandra Cervik<\/b><\/a> &#8211; nun, ich bin kein Fan von ihr. Aber auch hier fand ich, dass die Rolle perfekt besetzt war. Die neurotische, hilflose, ausgemergelte Gesundheitsj\u00fcngerin, die andererseits ihren Vater gl\u00fccklich sehen will, bringt sie wirklich sehr authentisch her\u00fcber.<\/p>\n<p>Ja und dann &#8211; ein Naturereignis: <a href=\"http:\/\/www.josefstadt.org\/Theater\/Ensemble\/Schauspielerinnen\/Dylag.html?type=Schauspielerinnen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Grazyna Dylag<\/b><\/a> als Zofia. Sie <em>ist<\/em> Polin, aber abgesehen davon, ist diese gewisse polnische Schlitzohrfreundlichkeit, die sich so oft in Verbindung mit einem gro\u00dfen, warmen Herz ausdr\u00fcckt, von ihr hinrei\u00dfend dargestellt. Ihre k\u00f6rperlichen Vorz\u00fcge, in bunte Klamotten gequetscht, stehen gekonnt im Kontrast zu der d\u00fcrren schwarzgekleideten Cervik.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gabriele_Schuchter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Gabriele Schuchter<\/b><\/a> als ihr Anh\u00e4ngsel ist auch immer wieder k\u00f6stlich anzusehen, wie sie das loyale, echoende Hascherl bringt.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Ein begeisternder Theaterabend, wie man ihn sich immer w\u00fcnschen w\u00fcrde.<br \/>\nGuter Text, eine Handlung, die ihre zugrundeliegende Ernsthaftigkeit schmissig und humorig aufarbeitet. Und ein einfach hinrei\u00dfendes Ensemble, das sich nicht im Regietheater verlieren muss, sondern ihr K\u00f6nnen voll aus<em>spielen<\/em> darf.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich scheint der alte Mann f\u00fcr die nachfolgenden Generationen etwas nervig, aber andererseits bed\u00fcrfte es doch lediglich etwas mehr Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, um dies nicht zum Problem werden zu lassen. Einem alten Menschen Lebensfreude abzusprechen, ihn als meschugge abzustempeln, wenn er Pl\u00e4ne umsetzen will, ist leider ein g\u00e4ngiges Modell in unserer Gesellschaft. Erf\u00fclltes Sexleben in diesem Alter wird bei uns als undelikat angesehen.<br \/>\nDas liegt nicht an den Alten, wenn es da zu Unverst\u00e4ndnis kommt!<\/p>\n<p>Oder auch die groteske Diskrepanz zwischen der Modehungerei und dem Hunger in den Kriegsjahren und im KZ, von dem Edek nur in einzelnen Worten erz\u00e4hlt,<br \/>\nWie gesagt, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Bonmots wird hier gearbeitet.<br \/>\nMacht Spa\u00df und Freude und trocknet dem Zuseher keineswegs das Hirn aus.<\/p>\n<p>Ich bin sehr gl\u00fccklich, dass ich es doch noch geschafft habe, Karten zu ergattern.<\/font><\/p>\n<p>\u00a9 evelyne w.<\/p>\n<p><font size=\"3\"><a href=\"http:\/\/www.josefstadt.org\/Theater\/Stuecke\/Kammerspiele\/chuzpe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Chuzpe &#8211; Kammerspiele Wien &#8211; mit Szenenfotos<\/b><\/a><\/font><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Lange musste ich mich bem\u00fchen, um endlich Karten zu ergattern. 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