{"id":3083,"date":"2013-09-29T20:05:47","date_gmt":"2013-09-29T18:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=3083"},"modified":"2013-09-29T20:05:47","modified_gmt":"2013-09-29T18:05:47","slug":"urlaubstage-auf-dem-zauberberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=3083","title":{"rendered":"Urlaubstage auf dem Zauberberg"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"3\"><br \/>\nZehn Jahre war es her. Wir hatten das Hotel in guter Erinnerung, aber es hatte sich zwischenzeitlich nicht ergeben, hierher zu kommen. Wir hatten Spa\u00df daran, immer neue Wellness-Hotels kennen zu lernen. Auch suchten wir gerne Orte auf, wo wir am Abend ein wenig Infrastruktur vorfanden, um noch wo gem\u00fctlich ein Glas Wein zu trinken, oder ein T\u00e4nzchen zu wagen.<br \/>\nDieses lag nur zwei Autostunden von unserem Wohnort entfernt und in einer traumhaften sch\u00f6nen Umgebung. Wunderbar ruhig, weil einschichtig an einen Hang gebaut, von dem aus man in ein Tal mit weiten W\u00e4ldern und einem kleinen Teich sehen konnte. Sehr idyllisch, aber wie gesagt, auch sehr einsam.<br \/>\nNun hatten wir erfahren, dass ein gro\u00dfer Umbau des Wellness-Bereiches vorgenommen wurde. Das machte uns neugierig.<\/p>\n<p>Schon bei der Ankunft waren wir fasziniert. Das alte Stammhaus war in ein gl\u00e4sernes Umfeld eingepackt worden. Sah toll aus und zerst\u00f6rte auch den Gesamteindruck der urspr\u00fcnglichen Gem\u00fctlichkeit nicht. Da hatte einmal ein guter Architekt gearbeitet. Wie man wei\u00df, sind Architekten sonst ja eher Feindbilder f\u00fcr mich.<br \/>\nDas Zimmer \u2013 vom Feinsten. Rustikal und modern. Aber nicht als Kombination, sondern als Einheit. Viel Holz in graubraunenT\u00f6nen, dunkelbraune Polsterm\u00f6bel, mildorange Kissen und ein farbenfrohes abstraktes Acrylbild. Eine Glasfront zur ger\u00e4umigen Loggia, mit traumhaftem Panoramablick. Das Bad als gl\u00e4serner Kobel in der Ecke des Appartements. Doppelwaschbecken, verschiedenste Duschen, teuer gl\u00e4nzende Armaturen. Strahlend wei\u00dfe Handt\u00fccher, Badet\u00fccher, Saunat\u00fccher, Badem\u00e4ntel, Badeschlapfen. Selbstverst\u00e4ndlich Begr\u00fc\u00dfungsobst und \u2013drinks auf dem Zimmer. Und eine h\u00fcbsche Badetasche.<\/p>\n<p>Der Speisesaal, nein, die R\u00e4umlichkeiten des Restaurants, denn es gab mehrere, harmonisch elegant, und auch hier \u2013 dennoch sehr gem\u00fctlich. Durch wei\u00dfe Ledersofas waren Nischen um die Tische gebildet. Von der Decke hingen gro\u00dfe beige Lampen, die angenehmes Licht verbreiteten. Gedeckt war selbstverst\u00e4ndlich perfekt und fleckenfrei. Blumen und Kerzen inklusive. Auch hier wieder die obligaten Fensterfronten zur Natur pur.<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchen ausnahmslos sehr h\u00fcbsch. Mit pers\u00f6nlichem Charme und nat\u00fcrlicher Freundlichkeit und dem Willen zum Verw\u00f6hnen der G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Und dann der Wellnessbereich. Ich bin ja diesebez\u00fcglich kein Greenhorn. Aber dieser geh\u00f6rte sicher zu den tollsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.<br \/>\nWas mir immer besonders gut gef\u00e4llt: Wenn nicht am Platz gespart wird. Und hier war alles gro\u00dfz\u00fcgigst angelegt. Mehrere Ruher\u00e4ume (die meisten wieder mit Panoramaverglasung), auch kleine R\u00fcckzugsorte, die \u00fcblichen Saunen, Dampf- und sonstigen B\u00e4der, gro\u00dfes Hallenbad, tolles geheiztes Au\u00dfenbecken, eine Liegewiese mit bequemsten Liegen und Sitzgruppen, und alles von Glas statt Zaun umrandet, damit kein Millimeter Blick auf die Natur verlorenging.<br \/>\nDie Vitalrezeption elegant und vornehm, die angebotenen Behandlungen und Massagen lie\u00dfen keine W\u00fcnsche offen.<br \/>\nNat\u00fcrlich gab es auch eine Vitallounge, mit Tees und S\u00e4ften, Obst, und Keksen \u2026<\/p>\n<p>Ein Paradies! Ich war begeistert.<br \/>\nIch verbringe meine Wellnessurlaube mit stundenlangem Schwimmen \u2013 am liebsten in Au\u00dfenpools. Dann Sauna und\/oder Dampfbad und Ruhe, Ruhe, Ruhe.<br \/>\nHier konnte ich das perfekt durchziehen. Das sah ich auf den ersten Blick.<\/p>\n<p>Warum ich das alles schreibe? Nicht um Werbung zu machen und auch nicht um Neid zu erregen.<br \/>\nAber wer bis hierher gelesen hat, der hat nun wahrscheinlich einen ganz bestimmten gen\u00fcsslichen Eindruck bekommen. Zumindest ging es mir so.<\/p>\n<p>Und dennoch stellte sich das uneingeschr\u00e4nkte Hochgef\u00fchl nicht ein.<br \/>\nIch haderte ein wenig mit mir, dachte, bin ich denn schon so verw\u00f6hnt? Gerade ich, die ich auch mit sehr wenig sehr gl\u00fccklich sein kann. \u00dcblicherweise kann ich diese Tage im f\u00fcr mich Luxus wirklich zelebrieren und absolut genie\u00dfen. Ich bade in der Dankbarkeit. Als ich ein Kind war, und mit meiner Mutter in einem Kabinett hauste, ohne eigenes Bett, mit einem Lavoir auf einem wackeligen Stockerl, in das aus einer rostigen Blechkanne Wasser, selbstverst\u00e4ndlich eiskalt, von der Bassena gef\u00fcllt wurde und einem K\u00fcbel f\u00fcr die Ausscheidungen, der dann in ein Sammelklo geleert werden musste, da sah ich es nicht als vorbestimmt f\u00fcr mich an, dass ich jemals solche Tage verbringen d\u00fcrfen w\u00fcrde.<br \/>\nUnd jedes Mal denke ich daran. Und meinen Standardsatz: Demut ist angesagt \u2026<\/p>\n<p>Und diesmal? Auch, eh klar. Und doch \u2026<br \/>\nDieser Luxustempel war besucht von Stammg\u00e4sten, die schon Jahrzehnte hier ihre Urlaube verbringen. Die meisten kommen mehrmals im Jahr und haben schon ihre fixen Termine daf\u00fcr. Und kennen einander untereinander auch schon sehr lange.<br \/>\nAn sich kein Problem, ich brauche keine Menschen zur Kommunikation in so einem Haus, im Gegenteil, ich selbst versuche, ihr aus dem Weg zu gehen. Ich pflege da viel lieber meine Ruhe, sogar mein Mann geht tags\u00fcber andere Wege als ich. Also daran konnte es nicht liegen.<br \/>\nIch gr\u00fcbelte weiter \u2026<\/p>\n<p>Wie immer, wenn ich mit denken nicht weiterkomme, versuchte ich zu sp\u00fcren. Und da sp\u00fcrte ich mich pl\u00f6tzlich als Bestandteil eines Ganzen.<br \/>\nAls ich die Augen \u00f6ffnete, wurde mir klar, dass ich mich auf einem Zauberberg befand. Hier war beinahe keiner j\u00fcnger als wir. Wir waren &#8222;breite Masse&#8220;. Und nicht zu wenige waren bedeutend \u00e4lter.<\/p>\n<p>Wie auch von mir bekannt, habe ich ein Faible f\u00fcr alte Menschen und erkl\u00e4rterma\u00dfen kein Problem mit meinem Alter. \u00dcblicherweise macht mich der Blick auf \u00e4ltere Menschen, die es sich gut gehen lassen, froh und zuversichtlich. Aber diesmal \u2026<\/p>\n<p>Ich kam mir auf einmal vor wie in einem Altersheim der gehobenen Klasse.<br \/>\nWaren es auf dem Zauberberg von Mann die Tuberkulosekranken gewesen, die in exquisitem Ambiente versuchten, gesellschaftliche &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; zu zelebrieren, die sich von ihrer Krankheit nicht beeindrucken lie\u00df, so erschien es mir pl\u00f6tzlich so, als w\u00fcrden dies hier die betagteren Herrschaften ebenso machen.<\/p>\n<p>Im Schwimmbad tummelten sich alte Damen, die an den R\u00e4ndern des Bassins hingen und sich \u00fcber ihre Pensionen unterhielten und \u00fcber die Leistungen, die sie in Anspruch nahmen. Und selbstverst\u00e4ndlich zweimal am Tag bei der Wassergymnastik mitmachten. Immer verausgabten sich nette alte Herren auf den Fitnessger\u00e4ten (die ich nur beim Vorbeigehen sah \u2013 weil nat\u00fcrlich auch hinter Panoramaglas), stylish gekleidet, mit schneewei\u00dfen Handt\u00fcchern um den Hals.<br \/>\nF\u00fcr Massagetermine war es f\u00fcr mich zu sp\u00e4t. Denn diese wurden von den G\u00e4sten bereits von zu Hause gebucht. Und auch die Kosmetikerinnen fanden kein Pl\u00e4tzchen mehr f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Ich musste feststellen, dass es mir lieber ist, wenn ich in einem Wellnesshotel zu den wenigen \u00c4lteren geh\u00f6re. Das Gef\u00fchl, wenn ich um mich blicke und j\u00fcngere Gesichter sehe, wirft ein anderes Spiegelbild in meine Seele als dieser Anblick.<br \/>\nAuch sind die j\u00fcngeren Leute meistens tags\u00fcber unterwegs, machen Wanderungen oder Besichtigungsausfl\u00fcge. Deshalb ist im Haus fast niemand zu sehen. In der Sauna bin ich oft und gern allein. Nicht so hier. Denn viele alte Herren sind passionierte Saunageher. Was allerdings den Vorteil hat, dass sie meistens auch begnadete Aufgie\u00dfer sind \u2026<br \/>\nDoch tagelang nur Faltenw\u00fcrfe, selbst wenn ich meine Brille erst am Abend aufsetzte, oder die Konversation an Nichts, der aufgesetzte Schm\u00e4h, oder die selbstmitleidigen Lamentos, deren man sich nicht entziehen kann, weil die Lautst\u00e4rken daf\u00fcr nat\u00fcrlich angehoben sind, das ging mir doch irgendwo ans Gem\u00fct. <\/p>\n<p>Sogar das Schwimmen im Freien im dichten Nebel, das ich sonst \u00fcberall allein zelebriere, war mir hier nicht verg\u00f6nnt. Im warmen Becken, mit hochaufget\u00fcrmten Badehauben, wurden hier die neuesten Geschichten \u00fcber Arzt- und Rehaaufenthalte, \u00fcber neue H\u00fcften, Knie- oder sonstigen Gelenksersatz, ausgetauscht. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte ich meine Ohrst\u00f6psel mit und deshalb herrschte bald Ruhe in meinem Kopf und da, wie gesagt, viel Platz und Raum hier war, konnte ich mich immer wieder an einen sch\u00f6nen Ort der Stille zur\u00fcckziehen.<br \/>\nAber \u2026 es war anders als sonst.<\/p>\n<p>Ich sah mich einfach selbst. All das genie\u00dfend, was die Jugend gar nicht sucht! Weil es f\u00fcr sie selbstverst\u00e4ndlich ist. Junge Leute machen keine Wellnessurlaube! Die wollen was erleben. Fremdes, Unbekanntes sehen.<br \/>\nHarte Betten, \u00fcberf\u00fcllte Str\u00e4nde, n\u00e4chtliche Kakophonien unter ihren Fenstern,  sind f\u00fcr sie kein Grund, sich Urlaube vermiesen zu lassen. Sie kennen keine Angst vor Eisw\u00fcrfeln aus unsauberem Wasser, nicht vor Kakerlaken in s\u00fcdlichen Gefilden, unsicheren Autos oder steilen unbefestigten Wegen auf dem Weg zum Gipfelkreuz.<\/p>\n<p>Nur f\u00fcr uns \u00c4ltere sind Genuss von Raum und Stille, ein weiches Bett, gutes Essen und aufmerksame, um unser Wohl besorgte junge Menschen das, was wir uns nie erwarten konnten. <\/p>\n<p>Und noch etwas machte mir schwer zu schaffen.<br \/>\nMeine Generation und die davor, wir sind es, die den Gro\u00dfteil des Tourismus in unserem Land erhalten. Ein Wirtschaftsfaktor, der sich in solche Feudalghettos treiben l\u00e4sst, weil genau das an uns erkannt wurde. Denn junge Menschen interessiert das einerseits nicht und andererseits k\u00f6nnen sich Familien diese Art der Ferien wohl nicht leisten.<\/p>\n<p>Ich sagte bisher immer &#8211; Ich f\u00fchle mich, wie ich mich f\u00fchle. Wei\u00df nicht, ob das \u00e4lter oder j\u00fcnger ist als ich bin. Alt f\u00fchle ich mich jedenfalls nicht. Und manipulierbar bin ich nur schwer.<br \/>\nUnd nun?<br \/>\nJa, ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich alt und werde dar\u00fcber manipuliert. Denn ich bin mitten drin.<\/p>\n<p>Auch mich wird das nicht daran hindern, wieder einen solchen Urlaub zu machen.<br \/>\nDas n\u00e4chste Mal allerdings wieder in einem Seminarhotel. Da rennen so viele junge, aktive Menschen herum. Und nur abends, denn tags\u00fcber sind sie in ihren Seminaren \u2026<\/font><\/p>\n<p>\u00a9 evelyne w.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/500x227.jpg\" data-rel=\"lightbox-gallery-YUz4vG6m\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/500x227.jpg\" alt=\"panorama\" width=\"500\" height=\"227\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3096\" srcset=\"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/500x227.jpg 500w, https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/500x227-300x136.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Jahre war es her. Wir hatten das Hotel in guter Erinnerung, aber es hatte sich zwischenzeitlich nicht ergeben, hierher zu kommen. 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