{"id":6334,"date":"2020-03-28T18:53:01","date_gmt":"2020-03-28T17:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=6334"},"modified":"2020-03-28T18:53:57","modified_gmt":"2020-03-28T17:53:57","slug":"aus-meiner-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=6334","title":{"rendered":"Aus meiner Kindheit"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/200328_kindheit.jpg\" height=\"430\" width=\"320\" alt=\"kindheit\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor ca. 70 Jahren lebte ich mit meiner Mutter in einer winzigen Einraumwohnung. Sie konnte nur wenig arbeiten, weil es keine Betreuung f\u00fcr mich gab, die finanzielle Unterst\u00fctzung reichte oft nicht einmal bis zur Mitte des Monats. Mein Radius war extrem eingeschr\u00e4nkt. Ich musste die meiste Zeit in dieser winzigen Wohnung verbringen. Manchmal (auch schon im Vorschulalter) halbe Tage ganz allein und wenn meine Mutter da war, war es auch nicht so, dass sie viel Zeit daf\u00fcr aufbringen konnte, um mir Ausgang und Bewegung zu verschaffen.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchrte im Austausch f\u00fcr ein paar Lebensmittel N\u00e4harbeiten f\u00fcr Nachbarn durch, und um ins Gr\u00fcne zu gelangen, ben\u00f6tigte man nicht nur Zeit, sondern auch Geld f\u00fcr Fahrscheine und dies war nicht vorhanden. Denn wir wohnten in einem hohen Mietshaus in einer dicht besiedelten Gegend und auch Parks gab es keine. Das Haus hatte zwar einen Hofgarten, aber der war lediglich dem Hausbesitzer vorbehalten.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df also in der Wohnung, sollte brav sein und keine Bed\u00fcrfnisse \u00e4u\u00dfern, damit meine Mama in Ruhe arbeiten konnte und auch &#8211; sowas sp\u00fcrt man als Kind -, dass sie kein schlechtes Gewissen bekam.<\/p>\n<p>So fl\u00fcchtete ich in meine Fantasiewelt.<br>\nObwohl wir nur wenig und ganz einseitig zu essen hatten, wurde ich ein dickes Kind.<\/p>\n<p>An meiner Umwelt nahm ich keinen Anteil. Kommunikation war f\u00fcr mich mit Ma\u00dfregelung und Verst\u00e4rkung meiner Minderwertigkeit und daraus resultierender Unwichtigkeit verbunden, deshalb versuchte ich, ihr weitgehendst aus dem Wege zu gehen.<\/p>\n<p>Die Zukunft wirkte bedrohlich, meine Mutter war nicht ganz gesund und zu einer Gro\u00dfmutter durfte ich aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden nicht und die andere war zu weit weg. Wobei mich die Bedrohlichkeit der Zukunft nicht besch\u00e4ftigte, weil ich ja gar nicht wusste, was Zukunft \u00fcberhaupt ist und nicht dar\u00fcber nachdachte. Aber die Bedrohlichkeit, die war stark sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Als ich in die Schule kam war ich die klassische Au\u00dfenseiterin. Unf\u00e4hig zur Kommunikation oder zu spielen, bis heute kann ich Spielen aber auch schon gar nichts abgewinnen; mein Enkel kann ein Lied davon singen. Die meisten Kinder damals waren sch\u00fcchtern und unsicher, also ging niemand auf mich zu. Und ich blieb stumm, auch trotzig, ich wollte mit niemandem Kontakt haben, weil der durch meine Unsicherheit immer schmerzlich f\u00fcr mich verlief. Sport war eine Tortur f\u00fcr mich. Ich war es nicht gew\u00f6hnt mich zu bewegen, und konnte keine Freude daf\u00fcr aufbringen.<\/p>\n<p>Ich brauchte 40 Jahre, eine schwere Krankheit und mehrere Therapien, um mich aus den F\u00e4ngen des Musters zu befreien, das mir die damalige Isolation und das Unterdr\u00fccken meiner Bed\u00fcrfnisse eingebracht hatte.<\/p>\n<p>Heute bin ich ein gesunder und gl\u00fccklicher Mensch, aber ich kenne viele meiner ZeitgenossInnen, die sich aus diesen Strukturen nicht befreien konnten. Denn es war ja kein Einzelschicksal, das ich durchlief, nach dem Krieg ging es den meisten Kindern so. Diese verbringen nun ihr Leben in Abh\u00e4ngigkeit, Krankheit, Depression und mangelnder Empathie und denken, das w\u00e4re richtig, weil eben das Leben.<\/p>\n<p>Warum ich das schreibe? Ich glaube das erkl\u00e4rt sich von selbst. Aber f\u00fcr jene, die das nicht erkennen wollen, erkl\u00e4re ich es gern:<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte unbedingt darauf aufmerksam machen, dass es keineswegs richtig sein kann, eine ganze Generation zu brechen, ihre psychische und auch teilweise physische Ausrichtung in eine Richtung zu leiten, die ihnen ein solches Muster f\u00fcr ihr weiteres Leben vorgibt: In einer Gesellschaft zu leben, die sich nicht um sie, ihr Wohlbefinden und gesundes Aufwachsen schert, und dass ihre Bed\u00fcrfnisse das Unwichtigste auf der Welt sind.<\/p>\n<p>Psychische Krankheiten sind die Folge und auch die k\u00f6rperliche Auswirkung wird noch in Jahrzehnten unser Gesundheitssystem belasten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus werden sie \u00fcber Isolation dazu erzogen, sich mit Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Masse anzuschlie\u00dfen, weil ihre pers\u00f6nliche Unsicherheit ihr ganzes Leben nach F\u00fchrung verlangen wird.<br>\nUnd dies ist sehr gef\u00e4hrlich f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft!<\/p>\n<p><b>Also bitte, wo sind unsere Kinderschutzprogramme in dieser Krisensituation?<\/b><br>\nDerzeit kann ich leider nur den Fokus auf einen einzigen Aspekt erkennen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor ca. 70 Jahren lebte ich mit meiner Mutter in einer winzigen Einraumwohnung. 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