{"id":6575,"date":"2020-07-02T22:43:45","date_gmt":"2020-07-02T20:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=6575"},"modified":"2020-07-02T22:52:49","modified_gmt":"2020-07-02T20:52:49","slug":"leben-mit-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=6575","title":{"rendered":"Leben mit der Angst"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Anfang stand mein ausgesprochener Wunsch, den Menschen die Angst nehmen zu k\u00f6nnen. Viele der Reaktionen haben mich erstaunt. Obwohl ich eh schon viel dar\u00fcber wusste \u2026<br><br>\n\nDoch es ist unglaublich faszinierend f\u00fcr mich, wie viele Menschen erkl\u00e4rterma\u00dfen ihre Angst behalten wollen. Sie sehen sie als Schutz. Doch selbstverst\u00e4ndlich ist sie dadurch ein enormes Machtmittel und nimmt den Schutz, anstatt ihn zu geben. <br><br>\n\nUnd auch wir selbst sind selber nur allzugern bereit, dieses Machtmittel in unseren Beziehungen anzuwenden. Und viele erkennen gar nicht, dass sie es tun. <br><br>\n\nNat\u00fcrlich ist ein Leben ohne Angst Hypothese. Aber umso mehr wir erkennen k\u00f6nnen, dass die Angst ein anerzogenes Konstrukt ist, desto besser k\u00f6nnen wir uns in vielen Bereichen davon befreien. <br><br>\n\nDas Kuriosum ist, dass den Menschen die Freiheit die allergr\u00f6\u00dfte Angst bereitet. Was ja nichts anderes ist, als die Angst vor der Selbstverantwortung. Deshalb k\u00f6nnen wir uns auch nur selbst davon befreien. Niemand kann uns die Angst nehmen! <br><br>\n\nAngst ist ein beliebter Schulterschluss. Der Mensch sucht immer Verb\u00fcndete. Und Angst bildet die gr\u00f6\u00dfte Gruppe an Verb\u00fcndeten. Aus diesem Grund l\u00e4sst sie nur wenig Spielraum f\u00fcr eigene Entscheidungen zu. <br>\nDoch es gibt eine Entscheidung, die man immer selber treffen kann. N\u00e4mlich nach der Angst zu suchen und zu hinterfragen, woher sie kommt. <br><br><\/p>\n\n<p>\u00c4ngste sind feig. Sie verschanzen sich oft hinter sogenannten Real\u00e4ngsten. Doch Real\u00e4ngste sind nur Kulissen. Man muss sie zur Seite schieben, um die wahren &#8211; leider anerzogenen &#8211; \u00c4ngste aufzusp\u00fcren. Das m\u00f6gen die gar nicht, wenn sie erkannt werden. Sie m\u00f6chten niemandem von Angesicht zu Angesicht gegen\u00fcberstehen. Eben weil sie feig sind. Und deshalb suchen sie dann rasch das Weite. <br>\nWenn wir ihnen aber eine B\u00fchne geben, dann werden sie immer hinter den Kulissen die F\u00e4den ziehen und wir werden unter ihrer Regie auf dieser B\u00fchne durch unser Leben taumeln. <br><br>\n\nNat\u00fcrlich besch\u00e4ftigt es mich, warum das so ist. <br><br>\n\nF\u00fcr mich ist es ein Indiz daf\u00fcr, dass wir einfach so erzogen sind. \u00dcber Generationen. Es wird auch nicht m\u00f6glich sein, dies umzudrehen. <br><br>\n\nDie Angst geh\u00f6rt f\u00fcr die meisten von uns einfach zum Leben. Sie ist vertraut und wenn etwas Vertrautes wegbricht, dann erzeugt das Angst. Es ist also eine Katze, die sich in den Schwanz bei\u00dft. Wenn etwas Vertrautes wegbricht &#8230; das bedeutet Verlust, das bedeutet weniger Halt, das bedeutet oft pl\u00f6tzliche Sinnentleertheit. <br><br>\n\nMan wei\u00df, dass es Menschen gibt, die von ihren Partnern unterdr\u00fcckt, erniedrigt und gemartert werden. Und dennoch bricht f\u00fcr sie die Welt zusammen, wenn dieser Partner sie verl\u00e4sst. Sie sind daran gew\u00f6hnt, sie kennen nichts anderes, was wird jetzt auf sie zukommen? <br><br>\n\nKinder, die so aufwachsen, z.b. auch mit Alkoholikern, die suchen nur in sehr kleinem Ausma\u00df sp\u00e4ter Wege aus diesem Dilemma. Viele werden selbst zu Alkoholikern und pr\u00fcgeln ihre Kinder ihrerseits. Einfach, weil es f\u00fcr sie das Vertraute ist. Vielleicht nicht das richtig Erscheinende, aber das Vertraute. Da kennen sie sich aus, da wissen sie, wie es l\u00e4uft. <br><br><\/p>\n\n<p>Man kennt auch gen\u00fcgend Geschichten, wo es Menschen gibt, die sich hingebungsvoll bem\u00fchen, solche Leuten zu helfen. Doch die Anwender dieser Lebensrituale k\u00f6nnen es nicht annehmen, betr\u00fcgen diese Menschen, oder wenden sich weiter dem Alkohol- oder Drogenkonsum zu. <br><br>\n\nDas alles liegt nur daran, dass ihnen ihre Lebensweise derart gel\u00e4ufig ist, dass ein Heraustreten daraus jenseits ihrer Vorstellungswelt ist. Eben nicht vertraut. Keinen Halt bietet, die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist, weil sie es gew\u00f6hnt sind, alle diese negativen Aspekte in ihrem Leben irgendwie zu verarbeiten. Es gibt keine anderen Perspektiven. Sie k\u00f6nnen deshalb mit der &#8222;Freiheit&#8220; nichts anfangen. <br><br>\n\nUnd genauso ist es mit der Angst als Ph\u00e4nomen an sich. Den Menschen ist sie vertraut. Sie macht in ihren Augen Sinn, sie gibt Halt und bringt Verb\u00fcndete. Man kann auch vieles an Verantwortung auf sie abschieben. <br><br>\n\nAber tats\u00e4chliche Funktion hat sie in unserem Leben keine. Wenn es keine Angst g\u00e4be, k\u00f6nnten wir alles mit Selbstverantwortung, Instinkt, Intuition und auch Respekt (z.b. vor Gefahren) genausogut bew\u00e4ltigen. <br><br>\n\nErst die \u00c4ngste deklarieren bestimmte Menschengruppen zu Feinden. G\u00e4be es keine Angst, h\u00e4tten wir keine Feinde. Es gibt nicht einen logischen Grund daf\u00fcr, warum Menschen untereinander Feinde sein m\u00fcssten. Nur in der Abarbeitung ihrer \u00c4ngste kommen entsprechende Verhaltensmuster zum Vorschein. <br><br>\n\nDa die Angst feig ist, macht sie auch die \u00c4ngstlichen feig, die plustern sich dann mit Machtm\u00e4ntelchen auf. Je feiger, desto aufgebauschter die R\u00f6cke, breiter die Schulterpolster, l\u00e4nger die \u00c4rmel. Was sie nat\u00fcrlich zur Gefahr f\u00fcr andere macht. <br>\nDoch unter diesen Machtm\u00e4ntelchen m\u00f6chten dann auch andere \u00c4ngstliche einfach Schutz suchen. Wollen die Macht der anderen f\u00fcr sich nutzen, weil sie schon f\u00fcr eigenes Machtstreben zu feig sind. <br><br>\n\nUnd all das wird uns &#8211; wahrscheinlich seit Menschengedenken &#8211; mit der Muttermilch mitgeliefert. Es ist uns so vertraut, dass f\u00fcr den Einzelnen ein Leben ohne Angst unm\u00f6glich ist. <br><br>\n\nUnd dennoch ist es m\u00f6glich, aus diesem Kreislauf herauszutreten. Vielleicht nicht alle \u00c4ngste abzubauen oder aufzul\u00f6sen, aber zumindest einige zu erkennen und sich von ihnen nicht die Augen verpicken zu lassen. <br>\nJede einzelne Angst, die man aufl\u00f6sen kann, schafft h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t. Und der n\u00e4chste Schritt kann der erste in diese Richtung sein!\n<br><br>\nWie gesagt, ich w\u00fcrde den Menschen gerne die Angst nehmen. Das geht nicht. Man kann einem anderen \u00c4ngste nicht nehmen. Aber man kann Perspektiven anbieten, damit sich der andere selbst befreit. <br><br>\n\nUnd gelingts mir nur f\u00fcr einen, ist mein Wunsch erf\u00fcllt. <br><br><\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang stand mein ausgesprochener Wunsch, den Menschen die Angst nehmen zu k\u00f6nnen. Viele der Reaktionen haben mich erstaunt. Obwohl ich eh schon viel dar\u00fcber wusste \u2026 Doch es ist unglaublich faszinierend f\u00fcr mich, wie viele Menschen erkl\u00e4rterma\u00dfen ihre Angst behalten wollen. Sie sehen sie als Schutz. 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