{"id":66,"date":"2011-07-08T15:54:15","date_gmt":"2011-07-08T13:54:15","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=66"},"modified":"2011-07-08T15:54:15","modified_gmt":"2011-07-08T13:54:15","slug":"flossenburg-2011-der-appellplatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=66","title":{"rendered":"Flossenb\u00fcrg 2011 &#8211; II. Der Appellplatz"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"3\">Nat\u00fcrlich kamen als n\u00e4chstes die Gedanken &#8211; ja, ICH habe noch Aufschub &#8230; Und &#8211; ICH kann auch jederzeit wieder hinausgehen &#8230; Und doch f\u00fchlte ich, wie die Beklemmung stieg, als ich durch das so entsch\u00e4rfte Tor trat.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer, mit hellem Kies belegter Platz breitete sich vor mir aus, an beiden Seiten begrenzt von zwei ordentlichen, wei\u00dfen Geb\u00e4uden, der ehemaligen H\u00e4ftlingsk\u00fcche auf der linken und dem Waschhaus auf der rechten Seite. In diesem ist die Dauerausstellung &#8222;KZ Flossenbuerg 1938-1945&#8220; untergebracht.<br \/>\nDie beiden langgestreckten H\u00e4user geh\u00f6ren zu den ganz wenigen komplett erhaltenen Bauwerken des ehemaligen Konzentrationslagers. Flossenb\u00fcrg ist eine Gedenkst\u00e4tte auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen KZs, das Lager selbst ist schon lange abgerissen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/platz.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Vor dem Ausstellungstrakt lagerte eine gro\u00dfe Gruppe junger Amerikaner auf einem Rasenstreifen und wartete auf eine F\u00fchrung. Der riesige Platz war leer und lag voll in der Sonne. Kein Br\u00f6selchen Schatten gab es, jeder einzelne Grashalm auf dem gepflegten Kies w\u00e4re zu sehen gewesen. Aber hier w\u00e4chst kein Gras. Auf dem ehemaligen Appellplatz sch\u00e4mt sich scheinbar sogar das Unkraut.<br \/>\nAlles wirkte adrett und sauber. Wei\u00dfe H\u00e4user, wei\u00dfer Kies &#8230; Im Hintergrund des Platzes viel Gr\u00fcn. \u00dcber der ehemaligen H\u00e4ftlingsk\u00fcche erhebt sich ein bewaldeter H\u00fcgel. Der dort installierte Wachtturm k\u00f6nnte auch als Aussichtsturm durchgehen. Es sah ein wenig aus, wie der Wirtschaftstrakt eines Schlosses, das man besichtigen k\u00f6nnte, wenn man durch den Park an der Stirnseite spazierte.<\/p>\n<p>Ich ging ein paar Schritte auf die Mitte des Platzes zu. Die Hitze flirrte, mir brach der Schwei\u00df aus. Der kalte Schwei\u00df! Der knirschende Kies schien durch meine Schuhsohlen zu dringen. Als ich auf den Boden sah, zerfiel der wei\u00dfe Kies zu grauer Asche. Ich blieb stehen.<br \/>\nAsche, wieso Asche?, dachte ich. Blut m\u00fcsste hier wogen &#8230;<br \/>\nIch machte wieder ein paar Schritte.<br \/>\nSeltsam, dachte ich weiter, wenn man an Appellpl\u00e4tze in Lagern denkt, dann denkt man immer an grimmige K\u00e4lte, in der sich die viel zu d\u00fcnn bekleideten H\u00e4ftlinge herumschleppen. Immer ist alles grau in grau &#8211; vielleicht liegt das auch daran, dass nur Schwarzwei\u00dffotos aus dieser Zeit existieren. Doch es musste auch hei\u00dfe Tage gegeben haben. Sich dieses Geschehen unter dem Blick der strahlenden Sonne vorzustellen, bekam eine zus\u00e4tzliche Facette des Hohns f\u00fcr mich. Eine Fliege umsummte mich. Ja, die Fliegen! Wie Leichenfledderer mussten sie sich in Schw\u00e4rmen auf den m\u00fcden Gestalten niedergelassen haben. Doch wahrscheinlich z\u00e4hlte das f\u00fcr die Menschen hier zu den kleinsten \u00dcbeln.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48092a.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Ich zog meine F\u00fc\u00dfe aus dem Schlamm, in welchem sie in der Zwischenzeit gef\u00fchlt gesunken waren und stakste vorsichtig weiter, weil der Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen keinen Halt bot. Irgendwo hier musste der Galgen gestanden sein. Und die Baracken waren rundherum angeordnet gewesen, soweit ich mich an meine Vorinformation erinnerte. Nichts an diesem Platz deutet mehr darauf hin!<br \/>\nZur linken Seite hinter der H\u00e4ftlingsk\u00fcche befinden sich auf dem ehemaligen Barackenareal schmucke Einfamilienh\u00e4user, auf der rechten Seite gro\u00dfe weite Fl\u00e4chen, wo ich von meinem Standort aus erkennen konnte, dass es sich um Fundamente von Geb\u00e4uden handelte. Dahin w\u00fcrde ich zum Abschluss meines Rundganges kommen.<\/p>\n<p>Ich schritt auf sattes Gr\u00fcn zu. Und wirklich, als ich den Platz verlie\u00df, \u00fcberrumpelte mich der Anblick einer idyllischen Parkanlage. In der Ferne wieder einer der &#8222;Aussichtst\u00fcrme&#8220;. Und wieder erwartete ich, an einem Rand ein Schloss zu entdecken, zu dem diese wundersch\u00f6ne Parkanlage geh\u00f6rte.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48046.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48055.jpg\" alt=\"flossenbuerg \" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Die Ambivalenz in meinem Inneren lie\u00df mich taumeln. Mein Erfassungsverm\u00f6gen war zu gering f\u00fcr diese Diskrepanz. Augenblicke lang hatte ich das Gef\u00fchl, ich m\u00fcsste platzen. Auch hier waren Baracken gewesen, das wusste ich. Von Gr\u00fcn war hier sicher niemals auch nur die Spur. Dieser Platz, der mit Grauen und Leiden getr\u00e4nkt sein musste, lag in einer Lieblichkeit vor mir, die mir im Moment ebenfalls wieder wie blanker Hohn erschien. Lediglich ein paar Steinkreuze mahnten zwischen Vergissmeinnicht &#8230;<\/font><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48049.jpg\" alt=\"flossenbuerg \" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48048.jpg\" alt=\"flossenbuerg \" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48059.jpg\" alt=\"flossenbuerg \" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/12\/flossenbuergg-2011\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil I &#8211; Ankunft<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/02\/flossenburg-2011-gedenkstatten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong> Teil III &#8211; Gedenkst\u00e4tten &gt;&gt;&gt;<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich kamen als n\u00e4chstes die Gedanken &#8211; ja, ICH habe noch Aufschub &#8230; Und &#8211; ICH kann auch jederzeit wieder hinausgehen &#8230; Und doch f\u00fchlte ich, wie die Beklemmung stieg, als ich durch das so entsch\u00e4rfte Tor trat. 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