{"id":78,"date":"2011-07-02T23:29:03","date_gmt":"2011-07-02T21:29:03","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=78"},"modified":"2011-07-02T23:29:03","modified_gmt":"2011-07-02T21:29:03","slug":"flossenburg-2011-gedenkstatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=78","title":{"rendered":"Flossenb\u00fcrg 2011 &#8211; III. Gedenkst\u00e4tten"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"3\">Lange blieb ich stehen, versuchte meine Gef\u00fchle zu orten. Was sp\u00fcrte ich hier? Was?<br \/>\nSp\u00fcren? Oder denken?, war die erste Frage, die ich mir stellen musste.<br \/>\nDie Ambivalenz kam eindeutig aus dem Konglomerat aus beidem. Ich wei\u00df nicht mehr, was ich erwartet hatte, aber mit Sicherheit war es etwas anderes gewesen. Meine Erwartungshaltung biss mich ins Bein. In diesem Augenblick schmerzte die Wunde noch brennend.<\/p>\n<p>Wie immer, und besonders in schmerzhaften Situationen, versuchte ich mich aufs Sp\u00fcren zu konzentrieren, das Denken so weit wie m\u00f6glich auszuschalten.<\/p>\n<p>Die gr\u00fcne Weite in meinen Augen, das laue L\u00fcftchen an dem schattigen Platz, an dem ich stand, luden zum Verweilen ein. Also blieb ich.<br \/>\nLangsam l\u00f6ste sich der Aufruhr in meinem Inneren. Ich sp\u00fcrte, wie das Leben weiterging. Es schien, als sp\u00fcrte ich das Gras wachsen. Die Ewigkeit des Hier-und-Jetzt hatte mich erreicht.<br \/>\nIch schloss die Augen, um von dem Ausblick nicht l\u00e4nger abgelenkt zu sein.<\/p>\n<p>Aus meinem Bauch stieg W\u00e4rme in mein Herz. Demut &#8211; an diesem Ort stehen zu k\u00f6nnen, satt und sicher.<br \/>\nGedenken war so wichtig, jedoch die Art und Weise des Gedenkens konnte doch ebenso von der anderen Seite aufgerollt werden. Musste man wirklich Gedenken gleichsetzen mit Darstellung von Gr\u00e4ueltaten und bluttriefenden Dokumenten?<br \/>\nNiemals war ich daf\u00fcr. Auch in den Aktionen, an denen ich mich beteiligte, z.B. f\u00fcr hungernde und missbrauchte Kinder. Nicht die Darstellung ihrer Not brachte Linderung. Sondern das Aufzeigen von M\u00f6glichkeiten, Aufforderung zum Schulterschluss, zur Solidarisierung mit jenen, denen das Schicksal anderer Menschen nicht egal war, die bereit waren, genau hinzusehen und dann die \u00c4rmel aufkrempelten.<br \/>\nDie Darstellung der Gewalt, die in immer brutalerer Form gezeigt wird, macht dem Menschen soviel Angst, dass die meisten keine andere M\u00f6glichkeit finden, als abzustumpfen, nicht hinzusehen, zu verdr\u00e4ngen, was sie sehen.<br \/>\nSoviele Jahrzehnte nach den furchtbaren Geschehnissen des Holocaust war es an der Zeit zu gedenken, ja, immer wieder! Aber es war auch schon lange der Zeitpunkt gekommen, nicht mehr in Blut und Asche herumzustochern und sie immer wieder aufzuw\u00fchlen. Kriminelle Potentiale dadurch weiter zu sch\u00fcren, die schaurigen Bed\u00fcrfnisse pathologisch verkr\u00fcppelter Seelen immer wieder zu erf\u00fcllen, ihnen immer weiter negative Vorbilder zu geben. Ihnen Macht zu geben, weil diese sich an dem Anblick aufgeilen und sich immer wieder daran erg\u00f6tzen, was bedeutet, dass es beinahe die einzigen sind, die sich das auch wirklich ansehen. Alle anderen verdr\u00e4ngen doch lieber &#8230;<\/p>\n<p>Der Mensch muss aus der Opferrolle heraustreten, um kein Opfer zu bleiben.<br \/>\nDazu geh\u00f6rt es auch, an den Opfern nicht festzuhalten. Dass es diese Opfer gab, muss unbestritten bleiben, dass ihr Leiden unermesslich war, ebenfalls, aber aus ihrem Leid muss Solidarit\u00e4t erwachsen, solches Leid in Zukunft vermeiden zu wollen. Dann hat ihr Leiden Sinn erwirkt.<br \/>\nWenn wir lediglich an ihrem Leid festhalten, dann werden wir zu Voyeuren! Die sich ihr Leid anschauen, wie durch ein Zeitfenster und dann den Vorhang fallen lassen, um zum Alltag \u00fcberzugehen.<br \/>\nNein! Hier war eine Gedenkst\u00e4tte und kein makabres Museum.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffnete die Augen wieder. Hier war M\u00f6glichkeit zur Meditation, zum wahren Gedenken in Freiheit. Auf dieser Basis konnte man positiv weitergehen.<br \/>\nICH wollte weitergehen! Und ich folgte dem Weg noch interessierter, weil die unsichere Spannung von mir abgefallen war.<\/p>\n<p>Die steinernen Kreuze wurden nun von halbrunden Gedenksteinen abgel\u00f6st.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48055a.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Auf der linken Seite des Weges stand die J\u00fcdische Gedenkst\u00e4tte. Ein &#8211; wie so oft leider, wenn Architekten im Spiel sind &#8211; seltsam h\u00e4ssliches kleines Geb\u00e4ude, in welchem man eher die \u00f6ffentliche Toilette vermutete. Aber davon wollte ich mich nicht irritieren lassen. L\u00e4stermaulr\u00fclpser meinerseits \u00fcber architektonische Missbildungen waren bei anderen Objekten angebrachter.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48050.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Die Juden waren in der Hierarchie des Lagers die allerletzten. Ein Beispiel: Es gab Pr\u00e4mienscheine f\u00fcr Miniverg\u00fcnstigungen, wie mal ein zus\u00e4tzliches St\u00fcck Brot oder f\u00fcr einen Besuch im Lagerbordell (wo weibliche Gefangene, die in Au\u00dfenlagern untergebracht waren, zur Prostitution gezwungen wurden!). Die meisten dieser Scheine wurden willk\u00fcrlich verteilt, wahrscheinlich um den Kapo noch besser heraush\u00e4ngen lassen zu k\u00f6nnen. Juden waren grunds\u00e4tzlich von diesem Pr\u00e4miensystem ausgeschlossen &#8230;<\/p>\n<p>Die T\u00fcr zur Gedenkst\u00e4tte stand offen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48051.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Der Blick in das Innere lie\u00df mich wieder still werden. So h\u00e4sslich das Geb\u00e4ude von au\u00dfen war, die Schlichtheit und die Anordnung des Innenraums bescherten mir beim Eintreten sofort besinnliche Ruhe. Hier gab es nichts Anklagendes, auch hier keine Darstellung von Gewalt. Auch hier wurde der Besucher einfach auf sich selbst zur\u00fcckgef\u00fchrt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48052.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"360\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p>Das Schattenspiel des Davidsterns im Dachfenster des kleinen Turmes wirkte in diesem Raum wie eine Lichtinstallation.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"flossenbuerg\" src=\"http:\/\/i274.photobucket.com\/albums\/jj272\/lin_tschi\/blogs\/48053.jpg\" alt=\"flossenbuerg\" width=\"360\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p>Ein kurzes Verweilen an der Mahntafel, dann trat ich in trauriger Ruhe wieder in die Sonne, um meinen Weg fortzusetzen.<\/font><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/12\/flossenbuergg-2011\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil I &#8211; Ankunft<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/07\/08\/flossenburg-2011-der-appellplatz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&lt;&lt;&lt; Teil II &#8211; Der Appellplatz<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/2011\/06\/30\/flossenburg-2011-iv-die-kapelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Teil IV &#8211; Die Kapelle  &gt;&gt;&gt; <\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange blieb ich stehen, versuchte meine Gef\u00fchle zu orten. 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