{"id":838,"date":"2011-12-28T00:01:35","date_gmt":"2011-12-27T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/filosofium.wordpress.com\/?p=838"},"modified":"2011-12-28T00:01:35","modified_gmt":"2011-12-27T23:01:35","slug":"die-idee-dementia-poetry","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/filosofium.evelyne-weissenbach.at\/?p=838","title":{"rendered":"Dementia-Poetry &#8211; Die Idee"},"content":{"rendered":"<p>\n<font size=\"3\"><br \/>\nAm Beginn stand die Einladung.<br \/>\nDie Einladung eines Pflegeheims, eine Lesung vor an Demenz erkrankten Menschen zu halten. Demenz in einem doch recht weit fortgeschrittenen Stadium.<br \/>\nZuerst war ich erschrocken. Nicht wegen der Lesung an sich, sondern ich dachte &#8211; WAS kann ich dort lesen? Meine Texte eignen sich daf\u00fcr nicht.<\/p>\n<p>Die Betreuer meinten, darauf k\u00e4me es nicht so sehr an, es w\u00e4re wichtig, WIE.<\/p>\n<p>Bei den Adventveranstaltungen, die ich dann besuchte, beobachtete ich genau. Die meisten der gut 20 Personen sa\u00dfen dabei und schauten mehr oder weniger interessiert auf die Bewegung, die dort ablief. Den Wechsel der Pfleger, die ihre Texte vortrugen. Ihren Worten konnten sie offensichtlich nicht folgen.<br \/>\nDie Musik kam gut an und &#8211; die Gebete! Denn die erkannten offensichtlich alle noch. Und viele konnten auch noch Teile davon mitsprechen.<\/p>\n<p>Ich erkannte, die Veranstaltungen waren liebevoll ausgerichtet, schienen mir jedoch nicht auf die H\u00f6rer abgestimmt.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngte eine Idee in mir hoch.<br \/>\nEs gibt Gedichte f\u00fcr Kleinstkinder, deren Bewusstsein ebenfalls noch nicht begriffsorientiert ist. Sondern Klang, Rhythmus und Emotion beim Vortrag den Zugang zu ihnen schaffen.<\/p>\n<p>Wieso gab es so etwas eigentlich nicht f\u00fcr jene Menschen, die am anderen Ende des Astes sa\u00dfen?<\/p>\n<p>Ich wehre mich absolut gegen die oftmals vertretene Ansicht, alte Menschen w\u00fcrden wieder zu Kindern. Das ist einfach nicht so. Und nimmt diesen Menschen die W\u00fcrde, die ihnen meines Erachtens, nach einem erlebten Dasein zusteht.<br \/>\nAlte Menschen werden zu alten Menschen und zu sonst gar nix. Und es kann passieren, dass alte Menschen bestimmte F\u00e4higkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben, aufgrund von Krankheiten wieder verlieren. Das ist eben so. Und nichts anderes!<\/p>\n<p>Das zu akzeptieren f\u00e4llt vielen Menschen schwer. Weil sie ihre eigene Angst vor einem solchen abh\u00e4ngigen Zustand damit verdr\u00e4ngen wollen.<br \/>\nDoch liegt es nicht gerade an uns, diesen Menschen ihre Abh\u00e4ngigkeit in W\u00fcrde zu gestalten? Sie zu gleichwertigen Partnern zu machen? Indem wir unsere bewusst steuerbaren Handlungen daf\u00fcr verwenden, uns auf ihre Augenh\u00f6he zu begeben, um sie zu erreichen.<\/p>\n<p>Kinder m\u00fcssen nun einmal von den Erwachsenen lernen. Das ist der Weg, den die Entwicklung nimmt. Aber alte Menschen m\u00fcssen nicht mehr lernen, Sie m\u00fcssen mit dem leben, das ihnen zur Verf\u00fcgung steht, weil sie nicht mehr lernen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Anerkenntnis dieser Konstellation m\u00fcsste einen gesunden, mitf\u00fchlenden Menschen dazu auffordern, Hilfe auf dieser Ebene anzubieten und nicht auf der Ebene der Besserwisserei.<\/p>\n<p>Gibt es deshalb keine Gedichte f\u00fcr Demenzkranke?<br \/>\nWeil Lyriker ihre Kunst nicht auf diese Augenh\u00f6he absenken wollen?<br \/>\nWeil Wortdrechselei und Sprachgewalt, sowie die Dichte eines schicksalstr\u00e4chtigen Inhalts viel mehr M\u00f6glichkeiten bieten, den Intellekt oder den Gef\u00fchlsausdruck eines Autors zu bewundern? Wir nicht f\u00fcr Menschen schreiben, sondern f\u00fcr Anerkennung unserer vermeintlichen Genialit\u00e4t?<br \/>\nFinden wir Schreiber alte und kranke Menschen unserer Kunst nicht w\u00fcrdig?<br \/>\nOder fehlt uns das K\u00f6nnen, ohne den Schutzschild des Sprachschatzes Emotion ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Und es reifte der Entschluss in mir, diese Anregung zu verfolgen.<br \/>\nDie Reduktion erschien mir pl\u00f6tzlich verhei\u00dfungsvoll zuzuwinken. Hier zeigte sich eine enorme schreiberische Herausforderung, dachte ich. Denn ich wollte keine therapeutischen Texte schreiben. Sondern Gedichte.<\/p>\n<p><\/font><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Beginn stand die Einladung. Die Einladung eines Pflegeheims, eine Lesung vor an Demenz erkrankten Menschen zu halten. Demenz in einem doch recht weit fortgeschrittenen Stadium. Zuerst war ich erschrocken. Nicht wegen der Lesung an sich, sondern ich dachte &#8211; WAS kann ich dort lesen? 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