frühlingsrausch

 

und ich tauche in die tage. aus denen sich der frühling windet. in krokusgelb und fliederweiß. und aus den rieden treibt der kleine rausch des anfangs. reibt sich an kirschenmündern rot und färbt mein blut. das schäumend durch die adern brandet. um sich zu stürzen in das spiegelblau des sees. der diese heimat mir zur wollust flutet.

© evelyne w.

 

mein herbstrotes haar

herbstrot


mein herbstrotes haar
wehe ich zu dir
blattgoldgesprenkel
in nachtgrünem blick

es war der frühling
der den morgen aufließ
wie eine taube
in die weite dunstiger ahnung
sonnengespinste
zeichnete auf den
scheitel der verheißung

und zarte knospen trieb
aus den ästen mit denen wir
die welt umarmten

als der morgen fiel

ließ er die früchte
der erinnerung zurück
im korb der sehnsucht

und kahle äste
recken sich
in den abend
auf dem scheitel
meines herbstroten haars

© evelyne w.

mein herbstrotes haar - audio

 

frivolities I/I – das familienfest

 
das familienfest

I. vorbereitung

ich habe heute noch rasch die tischordnung für unser morgiges familienfest gemacht. ein bisschen schwierig war es schon, denn ich konnte mich lange nicht entscheiden, sollte ich dich links oder rechts neben mich setzen.
einerseits liebe ich es, an deiner linken schulter zu lehnen und deinen duft in kleinen tröpfchen von deinem hals zu trinken. andererseits sind es doch die finger deiner rechten hand, die so oft mit ihrer zärtlichkeit das tor meiner lust öffnen.

die entscheidung fiel, als tante klara mit den tischtüchern kam.
sie sind groß genug, dass meine uns gegenübersitzende mutter besorgt fragen wird:
meine tochter, ist dir heiß? dein gesicht ist so rot und deine augen glänzen so feucht.

wie du siehst, habe ich mich für deine rechte seite entschieden.

© evelyne w.

 

frivolities I/II – das familienfest

 
das familienfest

II. resümee

es war ein schönes fest.
alle saßen unter dem nussbaum an dem langen tisch, der so üppig geschmückt war mit blumen und sternen aus unseren träumen und den früchten, die wir so sehr mögen. die dunklen trauben ließen das schäumen ihres blutes ahnen.
nach dem essen lehnte ich mich genüsslich zurück und naschte von dem schönen käse und dem würzigen schwarzbrot, das du mir in kleinen stückchen in den mund schobst. der rotwein zimtete ganz leicht und erinnerte mich an mondscheinnächte, an unsere picknicks auf dem holzsteg über dem see. der duft von frischem schlamm schwindelte sich in meine nase.

ganz besonders erfreute mich onkel herrmanns kleine malteserhündin saschki, die so gern bei meinen füßen lag und zu der du dich immer wieder hinabbeugtest, um sie zu streicheln, so lange und so oft, dass meine uns gegenübersitzende mutter plötzlich fragte:
meine tochter, warum stöhnst du?

es war eine gute entscheidung gewesen, neben deiner rechten hand zu sitzen.

© evelyne w.

 

frivolities I/III – das familienfest

 
das familienfest

III. der tiger

ich sah ihn, als cousin jonas sich zu mir herabbeugte, um mich zum abschied zu küssen. an seiner etwas kratzigen wange und seinem ohr vorbei, sah ich ihn auf dem saum des weinbergs unruhig auf und ab laufen. hin und her, her und hin. geschmeidig und seine kraft erahnen lassend, mit edlen nervös zuckenden flanken.
der tiger.
er wandte mir die augen zu und in ihrem flackern erkannte ich sofort mein schicksal. in meinem unterleib machte sich ein süßes ziehen bemerkbar und ich schob cousin jonas rasch von mir und sprang auf. so rasch, dass meine mir gegenübersitzende mutter sagte:
meine tochter, du willst doch nicht schon gehen?
ich muss, sagte ich, und zwar sofort!

langsam gingen wir nebeneinander her. seine samtweichen, elastischen schritte konnten mich nicht täuschen. wir sprachen kein wort, denn ich spürte, meine stimme würde mich verraten und er würde sich sofort auf mich stürzen, wenn er nur das leiseste signal erhielt. das opferlamm meines fleisches zitterte, nur mühsam verborgen.

eine kleine gruppe bunt gekleideter menschen querte unseren weg. wir mussten stehen bleiben, ich seufzte unwillkürlich und wie ich es gewusst hatte, stürzte er sich sofort auf mich. mit einem einzigen prankenschlag riss er mir das kleid herunter. noch wollte er ein wenig spielen mit der beute, zog seine krallen ein, strich zärtlich mit der pfote über meine brust und versuchte, wie ein kleines kätzchen an ihr zu saugen.
doch ich warf den kopf zurück und bot ihm meinen hals. da war für ihn das spiel zu ende, tief schlug er seine zähne in mich. kein schrei entkam meinen lippen. eins sein, eins sein mit dem tiger, war mein wunsch und glücklich schluchzend ließ ich mein heißes blut in ihm verrinnen.
ich öffnete die augen, wollte sehen, ob sein blick von meiner aufgerissenen nacktheit trank. siegessicher flackerte er über die fährte, die er selbst legte, schnuppernd und leckend folgte er ihr, für mich fast unerträglich langsam.
komm endlich! stöhnte ich. teile mich mit deinen stößen. und wenn du mich zerreißt, werden alle stücke einzeln, sich doch wieder nur nach dir sehnen.

zärtlich leckte der tiger meine wunde sauber, ganz langsam begann die knospe der liebe wieder rosig zu erblühen, ich lieferte mich ihm ganz aus und ließ mich fallen.

meine tochter! meine tochter, um gottes willen!
schrie meine mir gegenübersitzende mutter.
ich war doch glatt vom stuhl gefallen.

ach liebster, wenn ich mich dir, nicht einmal auf einem familienfest, mehr entziehen kann, was soll nur aus mir werden?

© evelyne w.

familienfest - audio

 

Lumpazivagabundus – Theater in der Josefstadt – 5.4.2012

Lumpazivagabundus von Johann Nestroy

Gibt es jemanden, der die Geschichte nicht kennt?
Für diesen sei sie kurz erzählt.
Im Feenreich will Hilaris, der Sohn des Zauberers Mystifax Brillantine, die Tochter der Glücksfee Fortuna heiraten. Doch diese befindet sich im Streit mit der Liebesfee Amorosa und schließt deshalb eine Wette mit ihr ab.
Drei vagabundierende Handwerksgesellen, der Tischler Leim, der Schuster Knieriem und der Schneider Zwirn sollen dem bösen Geist Lumpazivagabundus entrissen werden. Fortuna meint, nur ihr Geld könnte sie befreien, Amorosa ist davon überzeugt, dass dies nur die Liebe kann.
Sollten mindestens zwei von den dreien Fortunas Gaben nicht halten können, hat sie die Wette verloren und muss ihre Einwillung zu der Hochzeit ihrer Tochter geben.

Das liederliche Kleebatt gewinnt mit einem Glückslos 100.000 Taler und beschließt daraufhin ein Treffen nach Jahresfrist.

Zur Inszenierung von Georg Schmiedleitner. Wie vorher schon befürchtet, wieder das gleiche Trauerspiel wie vor ein paar Wochen im Volkstheater. Eine Aufführung, die eher an ein Comic erinnert als an Nestroy: Schrille Bilder mit Sprechblasen. Kein Raum um dem tieferen Sinn der Geschichte über Text und Darstellung auf die Spur zu kommen.

Das Bühnenbild selbst hätte mich diesmal noch nicht so gestört, eine eher karge Darstellung des Universums mit dunklen Wänden und Sternen. Nicht sehr schön, aber zumindest nicht erdrückend. Obwohl die Neonröhren-Dekoration auch hier Einzug gehalten hat.
Echt störend – die laute Live-Musik im Hintergrund der Bühne. Die an und für sich exzellenten Musiker der Sofa Surfers wurden teilweise so laut verheizt, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.
Und beinahe selbstverständlich fehlten bei dieser Art von Musik die Couplets, die eigentlich ein wesentlicher Bestandteil jedes Nestroy-Stückes sind.

Was mir persönlich in jedem Fall fehlte: die Spielfreude, die zu einem Nestroy für mich gehört. Hier wird „gearbeitet“. Mich wundert es nicht. Wenn ich Schauspieler wäre, könnte ich hier wohl auch keine Freude am Spiel finden.

Ensemble:

Jahrelang hatte ich ein Abo in diesem Theater. Und die Besetzungsliste bot mir im Vorfeld Wiedersehensfreude mit vielen klingenden Namen aus dieser Zeit. Allerdings waren die wunderbaren Schauspieler, die dieses Haus jahrzehntelang getragen hatten, nun in kleinen Nebenrollen besetzt.
Die junge Riege konnte mich nicht überzeugen.

Knieriem, Martin Zauner blieb blass und konturlos. Ich konnte ihm den philosophischen Säufer nicht abnehmen.
Leim, Rafael Schuchter, steif bis hin zum holprigen Versuch seiner Bühnensprache Dialektfärbung zu geben.
Einzig Florian Teichtmeister ist einigermaßen überzeugend in seiner Rolle als Zwirn.
Aber wer, wie ich, vor einigen Jahren Karl Markovics in dieser Rolle gesehen hat, ist wahrscheinlich bis an sein Lebensende sowieso für andere Zwirns verdorben …

Die Granden der Josefstadt, Lotte Ledl, Marianne Nentwich, Marianne Chappuis, Gideon Singer und Alexander Wächter blieben ebenfalls weit hinter meinen Erwartungen zurück, aber was sollten sie auch schon in ihren Rollen Tolles zeigen.

Doch überstrahlt und zum Erfolg gepusht wird diese Aufführung von einer grandiosen Erni Mangold als Lumpazivagabundus. Die Frau ist 85, spielt mit künstlicher Glatze und schwarzem, hochgeschlitzten Kleid mit tiefem Rückendekollete diese Rolle als erotischer Vamp. Sie wirft die Beine, wiegt die Hüften und ist so unglaublich, dass mir die Worte fehlen, zu beschreiben, was sie auf die Bühne bringt.
Um ihr zusehen zu können, lohnte es sich, all das andere in Kauf zu nehmen!

Jubelnde Kritiken, aber auch Szenenfotos unter Josefstadt – Lumpazivagabundus
(Leider sind die Szenenfotos des Theaters in der Josefstadt offensichtlich bei einer der Proben gemacht und Erni Mangold hat ihre Glatzenhaube noch nicht auf. Denn sie ist damit absolut toll anzusehen. Und besonders erwähnen möchte ich hier noch ihre erstaunliche Rückenansicht, um die sie viele Frauen, die um einige Jahrzehnte jünger sind, beneiden könnten.)

Ich denke mit Wehmut an die Zeiten, als ich einfach noch gerne ins Theater ging. Dass es mir Freude machte. Heute sitze ich dort und muss mir mit Mühe einen Brocken heraussuchen, der diese Abende nicht zu Zeitverlust deklassiert.
Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Ewiggestrige bin und mit vielem in dieser vordergründigen Zeitgeistzeit nichts anfangen kann.
Ich denke nämlich auch, dass alle, die Stücke auf diese Art inszenieren wollen, sich heute welche schreiben lassen sollten. Ob diese dann in 100 oder 200 Jahren allerdings noch immer Gültigkeit hätten, wage ich zu bezweifeln.

 

Und jetzt das Buch!


Es wird ein Buch geben! Für dieses, mein Herzensprojekt!
Illustriert mit den Bildern meines Zyklusses „Griselinas – Dementia“
Meine Freude ist riesengroß!

Veröffentlichung 25. April 2012

in der umarmung des vergessens

Nähere Infos unter In der Umarmung des Vergessens

Klappentext:

Dementielles.
Ein Wort. Ein Begriff, mit dem nicht jeder etwas anfangen kann.
Ein Untertitel für eine Sammlung, die es bisher in dieser Art noch nicht gab.

Es geht um Demenz. Das liegt wohl auf der Hand.
Evelyne Weissenbach beschäftigt sich auf verschiedene Art und Weise mit dieser Thematik.
Einerseits in kleinen Geschichten über Begegnungen mit demenzkranken Menschen.
Andererseits in nachdenklichen Texten mit Validationshintergrund.
In den Schreibpausen – Versuche, ihre Gefühle mit dem Pinsel auszudrücken.

Doch dann kommt das bisher Einzigartige dazu.
Auf der Suche nach Texten, die sie bei einer Lesung in einem Pflegeheim verwenden könnte, musste die Autorin feststellen, dass es für diese Menschengruppe keine literarischen Texte gab.
Darin sah sie eine große Herausforderung und eine schöne Aufgabe.
Und sie schrieb
Gedichte und Kurzprosa FÜR Demente.
Um jenen Menschen kleine Erinnerungen zu bescheren, die in der Umarmung des Vergessens leben.

Dementielles.
Ein Wort. Ein Begriff, der Berührendes beinhaltet.