Leben mit der Angst

Am Anfang stand mein ausgesprochener Wunsch, den Menschen die Angst nehmen zu können. Viele der Reaktionen haben mich erstaunt. Obwohl ich eh schon viel darüber wusste …

Doch es ist unglaublich faszinierend für mich, wie viele Menschen erklärtermaßen ihre Angst behalten wollen. Sie sehen sie als Schutz. Doch selbstverständlich ist sie dadurch ein enormes Machtmittel und nimmt den Schutz, anstatt ihn zu geben.

Und auch wir selbst sind selber nur allzugern bereit, dieses Machtmittel in unseren Beziehungen anzuwenden. Und viele erkennen gar nicht, dass sie es tun.

Natürlich ist ein Leben ohne Angst Hypothese. Aber umso mehr wir erkennen können, dass die Angst ein anerzogenes Konstrukt ist, desto besser können wir uns in vielen Bereichen davon befreien.

Das Kuriosum ist, dass den Menschen die Freiheit die allergrößte Angst bereitet. Was ja nichts anderes ist, als die Angst vor der Selbstverantwortung. Deshalb können wir uns auch nur selbst davon befreien. Niemand kann uns die Angst nehmen!

Angst ist ein beliebter Schulterschluss. Der Mensch sucht immer Verbündete. Und Angst bildet die größte Gruppe an Verbündeten. Aus diesem Grund lässt sie nur wenig Spielraum für eigene Entscheidungen zu.
Doch es gibt eine Entscheidung, die man immer selber treffen kann. Nämlich nach der Angst zu suchen und zu hinterfragen, woher sie kommt.

Ängste sind feig. Sie verschanzen sich oft hinter sogenannten Realängsten. Doch Realängste sind nur Kulissen. Man muss sie zur Seite schieben, um die wahren – leider anerzogenen – Ängste aufzuspüren. Das mögen die gar nicht, wenn sie erkannt werden. Sie möchten niemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Eben weil sie feig sind. Und deshalb suchen sie dann rasch das Weite.
Wenn wir ihnen aber eine Bühne geben, dann werden sie immer hinter den Kulissen die Fäden ziehen und wir werden unter ihrer Regie auf dieser Bühne durch unser Leben taumeln.

Natürlich beschäftigt es mich, warum das so ist.

Für mich ist es ein Indiz dafür, dass wir einfach so erzogen sind. Über Generationen. Es wird auch nicht möglich sein, dies umzudrehen.

Die Angst gehört für die meisten von uns einfach zum Leben. Sie ist vertraut und wenn etwas Vertrautes wegbricht, dann erzeugt das Angst. Es ist also eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Wenn etwas Vertrautes wegbricht … das bedeutet Verlust, das bedeutet weniger Halt, das bedeutet oft plötzliche Sinnentleertheit.

Man weiß, dass es Menschen gibt, die von ihren Partnern unterdrückt, erniedrigt und gemartert werden. Und dennoch bricht für sie die Welt zusammen, wenn dieser Partner sie verlässt. Sie sind daran gewöhnt, sie kennen nichts anderes, was wird jetzt auf sie zukommen?

Kinder, die so aufwachsen, z.b. auch mit Alkoholikern, die suchen nur in sehr kleinem Ausmaß später Wege aus diesem Dilemma. Viele werden selbst zu Alkoholikern und prügeln ihre Kinder ihrerseits. Einfach, weil es für sie das Vertraute ist. Vielleicht nicht das richtig Erscheinende, aber das Vertraute. Da kennen sie sich aus, da wissen sie, wie es läuft.

Man kennt auch genügend Geschichten, wo es Menschen gibt, die sich hingebungsvoll bemühen, solche Leuten zu helfen. Doch die Anwender dieser Lebensrituale können es nicht annehmen, betrügen diese Menschen, oder wenden sich weiter dem Alkohol- oder Drogenkonsum zu.

Das alles liegt nur daran, dass ihnen ihre Lebensweise derart geläufig ist, dass ein Heraustreten daraus jenseits ihrer Vorstellungswelt ist. Eben nicht vertraut. Keinen Halt bietet, die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist, weil sie es gewöhnt sind, alle diese negativen Aspekte in ihrem Leben irgendwie zu verarbeiten. Es gibt keine anderen Perspektiven. Sie können deshalb mit der „Freiheit“ nichts anfangen.

Und genauso ist es mit der Angst als Phänomen an sich. Den Menschen ist sie vertraut. Sie macht in ihren Augen Sinn, sie gibt Halt und bringt Verbündete. Man kann auch vieles an Verantwortung auf sie abschieben.

Aber tatsächliche Funktion hat sie in unserem Leben keine. Wenn es keine Angst gäbe, könnten wir alles mit Selbstverantwortung, Instinkt, Intuition und auch Respekt (z.b. vor Gefahren) genausogut bewältigen.

Erst die Ängste deklarieren bestimmte Menschengruppen zu Feinden. Gäbe es keine Angst, hätten wir keine Feinde. Es gibt nicht einen logischen Grund dafür, warum Menschen untereinander Feinde sein müssten. Nur in der Abarbeitung ihrer Ängste kommen entsprechende Verhaltensmuster zum Vorschein.

Da die Angst feig ist, macht sie auch die Ängstlichen feig, die plustern sich dann mit Machtmäntelchen auf. Je feiger, desto aufgebauschter die Röcke, breiter die Schulterpolster, länger die Ärmel. Was sie natürlich zur Gefahr für andere macht.
Doch unter diesen Machtmäntelchen möchten dann auch andere Ängstliche einfach Schutz suchen. Wollen die Macht der anderen für sich nutzen, weil sie schon für eigenes Machtstreben zu feig sind.

Und all das wird uns – wahrscheinlich seit Menschengedenken – mit der Muttermilch mitgeliefert. Es ist uns so vertraut, dass für den Einzelnen ein Leben ohne Angst unmöglich ist.

Und dennoch ist es möglich, aus diesem Kreislauf herauszutreten. Vielleicht nicht alle Ängste abzubauen oder aufzulösen, aber zumindest einige zu erkennen und sich von ihnen nicht die Augen verpicken zu lassen.
Jede einzelne Angst, die man auflösen kann, schafft höhere Lebensqualität. Und der nächste Schritt kann der erste in diese Richtung sein!

Wie gesagt, ich würde den Menschen gerne die Angst nehmen. Das geht nicht. Man kann einem anderen Ängste nicht nehmen. Aber man kann Perspektiven anbieten, damit sich der andere selbst befreit.

Und gelingts mir nur für einen, ist mein Wunsch erfüllt.

Fremde Nähe

 
Die Musikerin Mirjam Mikacs lud Autorinnen des Burgenlandes ein, für ihre neue CD  „Fremde Nähe – Stimmen zu Grenzen, Flucht und Krieg“ Texte beizusteuern. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich an diesem Projekt beteiligt sein darf.
Am 13. Oktober 2016 fand in der NN-Fabrik in Oslip die sehr berührende Präsentation statt.
 
filo1

Hier nun mein Beitragstext:
 
zufluchten

und dann kommt sie.
angst kriecht aus meinen zufluchten. krieg tritt in mein blickfeld. lächeln, wie geht das? zufriedenheit spüre ich als hohn. glück als naivität. freude erfriert an meinem gesicht.

und dann kommen sie.
aus den trümmern ihrer gegenwart. auf den nackten füßen der hoffnung. vorurteile fluten den menschenstrom. im schlamm der unbarmherzigkeit ertrinken ideale.

und dann sind sie da.
in den gehirnen hitzt die angst. die dürftigkeit der not lockt die notdurft der dummheit aus den ärschen des volkes. die unsicherheit bricht zacken aus der krone der menschlichkeit. wellen der unwissenheit stürzen als lüge und hatz über diffuse bedrohlichkeit. abwehr bläst zum angriff des pöbels. der überfluss regiert den wert.
mensch, wohin trägt dich die gier?

und dann sind sie da.
menschen erkennen menschen. nachbarn treten aus ihren schatten. springen über die zäune der feigheit in die pferche der ignoranz. reißen der oberflächlichkeit die masken vom gesicht. lichterketten zeigen den weg in eine kriegslose zukunft. schulter an schulter pflückt sich die blume der zuversicht leichter. hände öffnen sich zum geben. umarmungen legen sich um zitterndes erwachen. belohnung fällt aus augen. glück fällt aus gemeinsamkeit. angst kehrt sich zum mut.

und dann ist sie da.
leben ist entscheidung. nur dinge haben zwei seiten. eine lebenseinstellung ist kein ding. ich weiß mich zu entscheiden.

und dann bist du da.
du lächelst. wie geht’s? fragst du. und ich denke: mir geht es gut. aber wie geht es wohl dir? denn du kannst es mir nicht sagen. dein deutsch ist noch nicht gut genug dafür. doch du lächelst. mir freude ins gesicht.

 
© evelyne w.

lintschi liest

 

Dagegen ergibt auch dafür

 
Mein Motto ist es,
nicht GEGEN etwas, sondern FÜR etwas aufzutreten.

Wenn man gegen etwas auftritt, bringt man genau das wieder in die Welt, wogegen man eigentlich auftritt, vermehrt es also.

Das ist nicht bloß eine Naivphilosophie von mir.
Wir reagieren immer vollkommen intuitiv auf den ersten Eindruck, den wir von etwas bekommen. Er bildet ein emotionales Engramm. Und dieses bleibt so gut wie unbewusst.
Dann erst kommt unser Verstand und der erzählt uns dann eventuell das Gegenteil.
Das erzeugt wiederum in uns enorme Ambivalenz, Die meisten Menschen der westlichen Welt versuchen, diese über das Hirn in den Griff zu kriegen. Aber das Unbewusste ist immer stärker.

Immer wieder werden grausige Fotos verbreitet und darunter steht dann, dass der Veröffentlicher die Leute damit aufrütteln will.
Aber gerade Fotos sind das besondere Verhängnis in unserem medialen Zeitalter. Die meisten Menschen lesen nicht mehr, was darunter steht, aber das Foto hat seinen Abdruck in ihnen hinterlassen.

Das wissen nicht nur Psychologen. Das weiß auch jeder ernstzunehmende Werbeprofi. Deshalb werden Fotos mit klaren Aussagen verwendet und wenig Text. Und dieser natürlich so prägnant wie möglich.

In den letzten Tagen wurde ein schlimmes Plakat verbreitet.
Darunter stand dann, dass es provokativ gemeint war. Die gemeine Botschaft, die auf dem Plakat stand, war in diesem Zusammenhang absolut unwahr und sollte dazu dienen, zu polarisieren. Und natürlich für den Veröffentlicher Vorteile bringen – denn auch hier waren mit Sicherheit Werbeprofis am Werk.

Also genau der Vorgang, den ich vorher so schön theoretisch beschrieben habe.
Es knallt einem eine Botschaft ins Auge und darunter ist der Zusatz – es war nicht so gemeint, Es sollte nur „aufrütteln“.

Was passiert da?
Genau!

Die meisten Menschen sehen den Zusatz nicht mehr.
Und die böse Botschaft ist in der Welt und verbreitet sich …
In diesem Fall wurde öffentlich gemobbt und die Mobbingdynamik kann nie wieder rückgängig gemacht werden. Mit noch so vielen gerichtlichen Beschlüssen und Widerrufen. Denn die liest auch keiner mehr.

Seit Jahren versuche ich, diesbezüglich aufzuklären. Aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die Menschen lieben es einfach, andere über das Böse in der Welt „aufzuklären“. Anstatt sie über das Gute aufzuklären und dieses dadurch auf genau dem gleichen Weg zu vermehren.

Auch hier wieder:
Diese Menschen suchen Verbündete gegen ihre Ängste. Aber sie bieten nichts zur Lösung der Probleme und zur Verdichtung der persönlichen Sicherheit. Sie schüren die Ängste immer weiter.
Und ihre eigenen bedämpfen sie noch zusätzlich damit, dass es ja „die Anderen“ sind, die für das Böse in der Welt sorgen.

Wer sich jemals ein bisschen für Psychotherapie interessierte, der kennt das Prinzip der Affirmation.

Die Botschaft an das Unbewusste muss klar und kurz definiert werden. Und muss einen SEINszustand ausdrücken, keinen HABEN-Wunsch.
Das Unbewusstsein kennt nur SEIN und es kennt kein „NICHT“.

D.h wenn ich mir eine Affirmation bastle „ich möchte NICHT ängstlich sein“, dann nimmt das Unbewusste die Seinsbotschaft „ängstlich“ auf und richtet sich danach. Denn – mit „ich möchte“ kann es auch nichts anfangen. Weil es in diesem Zusammenhang einen Habenvorgang bezeichnet.

Die hilfreiche Affirmation würde lauten: ich BIN mutig.

Wenn man also unter diesen Gesichtspunkten an all das Negative denkt, das unter dem Mäntelchen „nicht“in die Welt geblasen wird, erkennt man eindeutig, wie der Schuss eigentlich nach hinten losgeht.

 

 

Gedanken über die Angst – V. Angst schützt nicht

 
V.

Oft bekomme ich als Argument gesagt, Angst sei lebensnotwendig, Angst beschützt.
Aber meine Meinung ist anders. Angst schützt nicht!
Umsicht schützt, Vorsicht schützt, auch Rücksicht, aber Angst nicht.

Angst vor dem Tod hat noch niemanden lebendig gehalten. Angst vor Krankheiten hat niemanden davor bewahrt, Angst vor Kriegen, vor Überfällen, vor Hundebissen, vor Lebensmittelvergiftungen, usw. kann nicht vor diesen Ereignissen oder deren Folgen schützen!

Im Gegenteil, Angst fördert in persönlichen Bereichen den Eintritt von Ereignissen, vor denen wir uns ängstigen! Oft wird erst sie zur wirklichen Gefahr, weil sie Menschen in Panik stürzt und dadurch jede Vorsicht und intuitive Abwehr untergräbt.

Menschen, die Angst vor Hunden haben, werden viel öfter von ihnen gebissen als jene, die keine Angst vor ihnen haben. Menschen, die Angst vor Krankheiten haben, werden ungleich öfter krank, als jene, die keine Angst davor haben.
Das ist nicht von mir! Das sind Entwicklungen, die jederzeit belegbar sind.
Nur, will sich diesen Ergebnissen viel zu selten jemand zuwenden.
Weil sie die Selbstverantwortlichkeit in den Vordergrund rücken würden.
Und daran sind leider viel zu wenige Menschen interessiert.

Warum das Interesse daran so gering ist, das liegt an den dynamischen Abläufen zwischen Ur-Angst und Triebverhalten.
Wie ich schon schrieb – der Mensch ist ein Herdenwesen, dem aber verhängnisvollerweise sein nicht selbstverständliches Einssein mit der Herde bewusst ist. Seine (Ur)Angst ist deshalb unermesslich. Und sein Triebverhalten drängt in die Herde. Seine Individualität wird dadurch an zweite Stelle gerückt. Und gehört dort aber nicht hin. Weil der Mensch für sich selbst von allergrößter Wichtigkeit ist. Weil es ohne ihn für ihn selbst nichts gibt.
Es beginnt ein Kreislauf, der in einen Kreis der Angst mündet.
Leider wird diese Ambivalenz zusätzlich von Anderen ausgenützt …

Wenn wir unsere Persönlichkeit schützen wollen, dann müssen wir uns auch wirklich unserer Persönlichkeit zuwenden! Menschen sind meines Wissens die einzigen Herdenwesen, die Mitgliedern ihrer Herde wissentlich Schaden zufügen. Wobei für mich das Unterbewusste auch immer zum Bewusstsein gehört, weil diese nur miteinander menschliches Bewusstsein ergeben.
Zum Unterschied von intuitiven (ebenfalls unbewussten) Handlungen anderer Herdenwesen, die ihren Sinn aber in der Herde finden und nicht in der Persönlichkeit!

Nur der Mensch trägt diese Ambivalenz in sich. Sinn für sich nur in seiner Individualität zu finden, aber auch zu wissen, Sinn für die Herde nur in der Gemeinschaft zu ergeben.

Nun steht der Mensch also vor der fatalen Aufgabe, sich in so manchen Bereichen vor seiner Herde schützen zu müssen, in der er eigentlich Schutz finden sollte. Selbstverständlich steigert dies seine Ur-Angst im Unbewussten noch immer weiter.

Die Bewusstmachung dieser Vorgänge und die Hinwendung zum Einsatz seiner persönlichen Fähigkeiten für sich und in weiterer Folge dann erst für die Herde, ist der einzige Schutz, den sich der Mensch geben kann.

Das Wesentliche daran ist, dass der Mensch auch für die Herde arbeiten muss, weil er ja ein untrennbarer Bestandteil ist und deshalb auf diese Art an dem beteiligt ist, was aus der Herde auf ihn zurückkommt.

Und am besten kann er dies, indem er seine Indivualität stärkt und sie für positive Prozesse, sich selbst, aber auch unbedingt die Herde betreffend, einsetzt. Sich auf diese Weise in die Gemeinschaft einbringt. Logischerweise ist es dafür jedoch notwendig, diese Strukturen zu erkennen.
Stellt er sich in einem der beiden Bereiche dagegen, schadet er sich in jedem Fall selbst. Und dann muss er sogar Angst vor sich selber haben.

Und die Angst vor sich selbst ist leider eine der am weitesten verbreiteten Ängste.
Aber dazu in einem späteren Kapitel …

© evelyne w.

Fortsetzung folgt

 

Gedanken über die Angst – IV. Zwischenantworten

 
Heute beschäftige ich mich mit Antworten auf Fragen, die an mich zu dem bisher Geschriebenen herangetragen wurden. Bzw. mit Bitten, meine persönlichen Gedanken-Grundlagen etwas besser zu erklären.

Zu Angst ist menschlich

Wie ich schon schrieb, Angst benötigt, meiner Meinung nach, Bewusstsein.
Wenn ich Angst habe, dann habe ich VOR etwas Angst. Also nicht erst im Auftreten von Gefahr, denn da reagiert man dann schon.
Ich will etwas vorwegnehmen, damit etwas Bestimmtes nicht eintritt.
Das können Tiere nicht.

Psychische Ängste sind für mich deshalb auch keine unbewussten Ängste, sondern eher unbenannte, bzw. unbekannte. Aber sie laufen auch über das Bewusstsein ab.,
Existenzangst, z.B. ist ja auch ein Vorwegnehmen-wollen bestimmter Situationen. Verlustangst ebenfalls, Verletzungsangst, usw.

DAS ist für mich für ANGST bezeichnend:
Dass sie das Bewusstsein braucht, um sich zu äußern.

Ein oft angeführtes Beispiel: Die Angst vor dem Feuer, die angeblich dem Menschen wie den Tieren zu eigen ist. Und der auch eine Schutzfunktion zugesprochen wird.

Ich persönlich habe vor Feuer prinzipiell keine Angst. Wenn, dann vor unkontrolliertem Feuer! Und hier wird sofort selbsterklärend, dass ich dafür denken muss, um zu unterscheiden.
Wenn also unkontrolliertes Feuer auftritt, dann werde ich davor zurückschrecken, wenn es mir zu nahe kommt. Aber das reihe ich dann unter Instinkt und Intuition, die Schutzfunktionen des ÜberlebensTRIEBes sind. Und Triebe haben eindeutig auch Tiere. Willkürliches Bewusstsein hat für mich aber nur der Mensch.

Wenn ich Erfahrungen mit Verbrennung habe, dann geht’s schon wieder los. Dann kann ich Angst vor dem Feuer bekommen (also anerzogen durch Erfahrung). Diese ist aber eine vorgeschobene Realangst, weil sie eigentlich die Angst vor der Verbrennung ist, vor der Verletzung. Verletzungsangst ist aber wiederum eine psychische Angst …

Nur die menschliche UR-Angst läuft, meiner These nach, rein über das Unbewusste ab. Weil diese die Angst vor dem Verlust der Menschheit ist, die der Mensch aber für seine Existenz als Mensch unbedingt braucht.
Alles andere betrifft nur einen Menschen persönlich, auch wenn dann viele Menschen gleichartige Angsterscheinungen haben.

 

Zu Macht braucht Angst

Zitat:
Wichtig für den Menschen wäre es, seine Individualität und sein Herdenwesen jeweils dort anzunehmen, wo sie für ihn wesensgerecht sind.
Leider funktioniert dies in unserer Gesellschaft eher umgekehrt.

Da wir unser Bewusstsein auf den falschen Ausgangspunkt lenken, geben wir im individuellen Verantwortungsbereich die Verantwortung an die Gemeinschaft ab und im gemeinschaftlichen Bereich wollen wir individuelle Bedürfnisse abdecken.

Das ist eine Frage der Verantwortungsbereiche.

Die Gemeinschaft ist selbstverständlich dazu da, um dem Menschen Schutz zu geben.
Logischerweise, denn die Angst im Einzelnen würde sonst übermächtig.
Weil der Mensch ein Bewusstsein hat, das ihn sofort erkennen lassen würde, WIE schutzlos er in der Landschaft stünde.
Ein Mensch allein kann so gut wie nix, was unser Menschsein ausmacht.
Er könnte sich, wie ein Tier, eine Höhle graben oder ein Nest bauen, und wenn er das Feuer erfinden könnte, dann könnte er damit auch das Eine oder Andere bewerkstelligen. Natürlich könnte er gewisse Schutzvorrichtungen bauen, seine Kreativität für sein Überleben einsetzen, usw.
Aber sein Überleben hätte keine menschliche Qualität. Für ihn nicht und auch für die „Schöpfung“ nicht.

Die Gemeinschaft ist außerdem dafür da, um über den einzelnen Menschen hinausgehende „Projekte“ zu ermöglichen, die eben nur mit Anderen möglich gemacht werden können. Und auch größeren Schutz bieten sollen.

Dort sollte er sein Herdenwesen annehmen.
D.h. sich an der Gemeinschaft beteiligen, um der Herde zu größerem Schutz zu verhelfen. Dann kann er ihn natürlich auch selber genießen, weil er ja ein Bestandteil der Herde ist.

Das führt automatisch zu seiner Einzelverantwortung, zu seiner Individualität.
Er kann NUR diese einbringen!
Jetzt greife ich wieder auf das Prinzip in meinem Buch „Lerne.Selbst.Lieben.“ zurück:
Jede Gesellschaft ist nur so gut, wie ihre einzelnen Bestandteile. Was ihre einzelnen Bestandteile in die Gesellschaft einbringen.
Die Verantwortung dafür liegt beim Einzelnen.

Es ist doch klar: Jeder Einzelne von uns kann die Gesellschaft im Allgemeinen nicht verändern.
Deshalb bin ich auch so strikt dagegen, dass immer von „Wir“ gesprochen wird., wenn z.B. gesagt wird – die Welt, die „wir“ unseren Kindern überlassen.
Wir haben keinen Einfluss auf „die Welt“.
Wenn wir diesem Gedanken jedoch immer weiter folgen, können wir uns deshalb nur hilflos fühlen. Hilflos ausgeliefert fühlen.

Wir müssen die Verantwortung für unser Leben übernehmen. Egal, wie es von außen beeinflusst wird.
Ein Mensch, der derzeit in Syrien „auf der Welt“ ist, kann auch die Verantwortung für sein Leben nicht abgeben! Es „nützt“ ihm nichts, zu sagen, die Anderen sind schuld. Und uns bringt es nichts, zu sagen „wir“ sind schuld!

Wir müssen die Verantwortung für unsere Gemeinschaft mittragen, ob wir wollen oder nicht. Wir können uns nicht von der „Herde“ trennen.
Aber es gibt keine kollektive Schuld!
Deshalb brauchen wir zur Bewältigung von Angst und zur Minderung von Bösem auf der Welt unsere Individualität. Und dürfen in diesem Bereich die Verantwortung nicht an die Gemeinschaft abgeben.

In unseren Gesellschaftsformen wird das eher anders angesetzt.
Eben allein schon dieses kleine Wörtchen „Wir“ zeigt dies.
Durch dieses Wörtchen wird Schuldgefühl erzeugt. Und über diese Schiene laden wir Verantwortung für Handlungen auf uns, die wir weder ausführen, noch wünschen. Was natürlich Energie frisst und und uns sehr oft lähmt.
Wir jedoch müssen „nur“ in dem Sinn Verantwortung übernehmen, dass wir uns nicht von der Herde trennen können, nicht von unserem Bewusstsein trennen können und deshalb damit leben müssen, DASS dies alles mit unserem Wissen geschieht. Und ja auch darunter leiden müssen!
Aber wir tragen keine Schuld daran. Wir müssen die Verantwortung nicht für die Handlungen übernehmen, die Andere setzen. Aber leider müssen wir die Verantwortung dafür übernehmen, was daraus erwächst.

Mein Individualitätsprinzip ist hier wahrscheinlich auch schon bekannt: Von innen nach außen.
Wir können nur in unserem Umfeld Veränderungen herbeiführen. Nicht global!
Deshalb müssen wir Verantwortung zuerst einmal für uns übernehmen, und in weiterer Folge für Familie, Freunde, Nachbarn usw.
Aber auch wieder – für unsere eigenen Handlungen!
Wenn unsere Handlung darin besteht, bei allem wegzuschauen und nirgends Hilfeleistungen anzubieten, dann müssen wir dafür Verantwortung übernehmen.
Wenn ein Anderer aber unsere angebotene Hilfestellung nicht annimmt, muss ER dafür die Verantwortung übernehmen. Was aus dieser missglückten Interaktion entsteht, dafür müssen wir beide die Verantwortung übernehmen.

Ein Beispiel: Wenn ich höre, dass mein Nachbar seine Frau prügelt, dann müsste ICH eine Handlung setzen. Für mich! Wenn ich es nicht tue, dann muss ich dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn er sie totprügelt, werde ich – für mich – niemals aus der Verantwortung herauskommen. Auch meine Angst wird mich davor nicht beschützen. Oder meine „Ausrede“, dass ich es aus Angst nicht tun konnte. Die Gemeinschaft wird MIR keine Verantwortung zuweisen können. Die wird es wahrscheinlich nicht einmal erfahren.

Ich persönlich also muss zumindest die Polizei rufen. Ich muss aber nicht persönlich eingreifen, wenn ich „Angst vor der eigenen Verletzung“ habe. Das hat nicht unbedingt etwas mit Feigheit zu tun, das kann auch ein Akt der Selbstliebe sein, den man nicht um jeden Preis aushebeln sollte!
Dann kann ich vielleicht am nächsten Tag meine Nachbarin ansprechen und versuchen, ihr ein Hilfsangebot zu unterbreiten. Das liegt in meiner Verantwortung!
Wenn sie es nicht annimmt, liegt es in ihrer Verantwortung.
Wenn sie weiter bei diesem Mann bleibt, dann ebenfalls.
Ich werde dennoch nicht umhin können, wenn es wieder Kampf gibt, erneut wenigstens die Polizei zu rufen. Denn wenn er sie totprügelt, werde ICH die Verantwortung nicht an jemanden anderen abgeben können, dass ICH nicht zu ihrem Schutz gehandelt habe.

Jetzt stellt sich logischerweise die Frage: Was kann ich tun, wenn ich in den Medien lese, dass Milliarden von Menschen unterdrückt, gefoltert, getötet werden?
Wo liegt hier meine Verantwortung?
Wo kann ich da etwas dagegen tun?

In der Masse geht gar nichts. Da ist der Einzelne absolut machtlos. Und hilflos. Und wieder wird das propagierte „Wir“ zum absoluten Verhängnis.
Was Einer tun kann ist, eine Gruppe herauszunehmen und für diese „stellvertretend“ Hilfeleistung anzukurbeln. Das liegt in seiner Verantwortung. Aber wenn er sein eigenes Leben dadurch in den Hintergrund rückt, die Hilferufe seines eigenen Ichs oder seiner Nachbarn dadurch überhört, dann können wir doch klar erkennen, dass da etwas auf diese Art nicht funktionieren kann.

Also wieder: Von innen nach außen.
Für eigene Bedürfnisse dort sorgen, wo man dafür zuständig ist, Hilfestellungen dort anbieten, wo man etwas bewirken kann – und das beinhaltet mit Sicherheit auch für mich – Hilfestellung gemeinschaftlicher Organsiationen zu unterstützen! Aber die Richtung muss stimmen …

Und da läuft in unserer Gesellschaft etwas total verkehrt.
In dieser wird propagiert, dass die Gemeinschaft über den Einzelnen gestellt werden muss. Dass man nicht egoistisch sein darf, weil der Einzelne nicht wichtig ist …
Und das stimmt ja auch, der Einzelne ist aber nur für die Gemeinschaft nicht wichtig, weil er ein viel zu kleines Einzelteilchen ist, als dass sich die Gemeinschaft dadurch gekratzt fühlt, wenn er durch den Rost fällt.
Aber nun überlegen wir einmal, wie wichtig der Einzelne für sich selbst ist. Oder für seine Familie, für seine Freunde …

Und die Richtung ist schon wieder vorgegeben.

© evelyne w.

Fortsetzung folgt

 

Gedanken über die Angst – III. Angst ist menschlich

 
III.

Angst ist deshalb für mich menschlich, weil sie meiner Meinung nach, Bewusstsein benötigt. Nur der Mensch kann sie als solche erkennen, und vor allem aber – auch willkürlich verändern.

Aufteilen müssen wir die Darstellung der Angst in zwei Gruppen:
die Realangst und die psychische Angst.

Beide „Arten“ erwachsen dem Menschen aus seinem Bewusstsein und sind deshalb auf die ihm weitestgehend unbewusste Urangst (vor dem Abgetrenntsein von der Herde) aufgepfropft. Angst vor Schmerz, Verlust und auch vor dem Tod sind nur über das Bewusstsein erfahrbar.

Die meisten Menschen nehmen nur ihre Realängste wahr und wollen diese „bearbeiten“. Da Realängste aber nur Ausdruck für psychische Ängste sind, ist dies ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Es gelingt diesen Menschen dann vielleicht, diese oder jene Angst zu verdrängen, sie auf diese Weise zum Verschwinden zu bringen, aber sie drückt sich dann mit Sicherheit in einem anderen Bereich wieder aus.
Und leider ist es auch so, dass Angst einer der größten Auslöser von Krankheiten ist. Auf diesem gerade beschriebenen Weg.
Sie sucht sich IMMER einen Kanal, die Symptome dafür sind höchst unterschiedlich und oft sehr schwer der Angst zuordenbar.

Deshalb erscheint es mir so wichtig, ein bisschen über die Angst zu erzählen, weil es die einzige Möglichkeit ist, ihr ein wenig zu Leibe zu rücken, wenn man sie richtig erkennt und ihre Schlupfwinkel aufspürt.

Am besten können wir die Auftretungszonen der Angst dadurch transparent machen: Kinder bekommen erst mit zunehmender Bewusstwerdung Angst. Babies „kennen“ nur eine Angst, die ist in ihnen verankert: die Angst vor dem Verlassenwerden. Das ist die Urangst. Wobei es hier um die Herde geht. Es muss nicht die Mutter sein! Sondern jemand aus der Herde.
Zum Unterschied: Deshalb ist es oft so schwierig, junge Säugetiere, die man einsammelt, zum Überleben zu bringen, wenn sie keine Herdentiere sind. Beispiel: Bei Wildhasen kann nur die Mutter ihre Kinder ernähren. Die nehmen von niemandem anders etwas an. Aber bei Rehen z.B. kann das gut klappen.

Das oft unmotiviert erscheinende Schreien bei Säuglingen, das den Müttern so viele Sorgen und Rätsel bringt, ist im Grunde genommen genau dafür Ausdruck. Obwohl es einem Baby offensichtlich gut geht, es keinen Hunger hat, keine nasse Windel, keine Krankheiten oder erkennbare Schmerzen, schreit es. Es muss seine Angst entlasten. Und ist deshalb auch oft erst durch körperliche Zuwendung zu beruhigen. Nicht durch einen Schnuller …
Und manchmal klappt nicht einmal das. Dann spürt das Kind mit Sicherheit, dass die Mutter vielleicht emotional gerade nicht bei ihm ist …
Auch geistig reduzierte Menschen haben viel weniger Angst als geistorientierte. Nicht zu verwechseln mit ungebildeten Menschen! Bildung ist eine ambivalente Angelegenheit, sie kann Angst vermindern, aber auch erst schüren.

Ja, also was machen wir nun mit all diesen Informationen und Konstruktionen? Was können wir daraus lernen?

Wir können daraus lernen, dass Ängste über das Bewusstsein erst im Menschen abgesenkt werden. Durch Erziehung, durch Erfahrung, durch Tradition und – darum gehts mir ja in erster Linie – durch Manipulation.

Was das Überleben des Menschen sichern soll, wird dem Überlebenstrieb durch Instinkte und Intuitionen vermittelt. Dafür sind keine Ängste notwendig.

© evelyne w.