Nimbus

 
Nenne mich irgendwie. Doch nenne mich. Sag nicht einfach du. Oder Sie. Oder sie.
Ich will nicht im neutralen Schatten der Menge mich an Mauern ranken. Ich will blühen als das, was nur ich blühen kann. Im Ich-Rot und im Ich-Blau will ich mich auf dem Ich-Grün meines Stängels entfalten und von dir erkannt werden. Nicht rot wie eine Rose und nicht blau wie ein Vergissmeinnicht. Vergiss mich nicht im Anblick meiner Farben. Nenne sie irgendwie. Doch nenne mich.

© evelyne w.

 

Sag mir, wer du bist

 
Wie heißt du, fragt sie manchmal.
Und jedes Mal bekommt sie eine andere Antwort.
Wer bist du, fragt sie dann weiter.
Ich bin du.
Du bist ich? Wieso kenne ich dich nicht?
Ach, wer kennt sich schon.
Aber ich will mich kennen.
Deshalb bist du ja wohl hier.
Ja, aber wieso bist du jemand anderer als gestern?
Ich? Sagtest du nicht eben, du kennst mich gar nicht.
Du meinst, ich bin jemand anderer als gestern.
Du nicht?

© evelyne w.

 

Machtspiele

 
Sie sagte kein Wort. Doch jeder der sie kannte, hätte sofort an der Art, wie sie die Augen niederschlug erkannt, dass ihr die Hitze unters Herz gestiegen war. Bevor das Feuer sich in seinen Kammern breit machen konnte und Flammen aus ihrer Spucke sprühten, tötete sie die Wut mit kalten Gedanken ab.
Ihr Gegenüber schien es ihr nicht Wert, ihm Macht – und sei es auch nur in Form von Ärger – zu geben. Was heißt eigentlich „auch nur“? War das nicht eine der größten Mächte, die sie einräumen konnte?
Nur die Gewalt schien noch größere Macht über sie erreichen zu können. Aber mit dieser wollte sie nicht experimentieren. Sie schätzte ihre glückliche Lage sehr, die sie nicht in die Nähe von Gewalt brachte. Sie wollte sie keineswegs heranziehen, um ausloten zu können, wie sie damit umgehen würde. Ob es ihr möglich wäre, ihr die Macht über sie zu entziehen, und sei es in ihrem Inneren.
Sie wollte eigentlich auch nicht mit dem Ärger experimentieren. Aber es gelang natürlich des öfteren, dass jemand diese Macht für sich beanspruchen wollte. Dem Ärger war nicht so leicht auszuweichen. Nicht, dass sie der Gewalt bewusst auswich. Wie gesagt, sie schätzte die Gnade ihrer Geburt hoch, in ein Leben hineingeboren geworden zu sein, das sie ihre Zeit in einem Land verbringen ließ, das über Jahrzehnte nicht an Kriegshandlungen beteiligt war. Wo physische Gewalt nicht direkt auf sie einwirkte.
Psychische Gewalt, von der hatte sie sich weitgehend befreit. Vor Jahren schon. Es war sehr schwer gewesen, ihre Körperbühne von den Krankheiten zu säubern, welche die Grausamkeiten ihrer Kinderjahre in ihr abgelegt hatten.
Nein, sie würde dem Ärger keinen Raum geben. Sie wusste Bescheid.Über sich und über die Anderen. Über die Scharmützel, die jeder für eigene Überhebung oder Unterwerfung brauchte. Sie wollte sich nur sich selbst unterwerfen. Auch wenn das sehr schwer war. Weil die Wut einfach kam, wenn jemand auf sie einwirken wollte. Aber nur kurz. Denn auch die Macht ihrer Gedanken hatte sie in der Zwischenzeit gut erkannt.

© evelyne w.

 

9.11.1989

 
lasst uns gehen
wohin wir wollen
dann kommen wir
auch gerne wieder

nur in der enge
des gefängnisses
sieht die freiheit
wie ein vogel aus

ist der mensch frei
sucht wände er
zum anlehnen
und türen
die er schließen kann

ein vogelhaus
ist kein nest

 

© evelyne w.

lintschi goes amerika

 
ich weiß nicht, ob ich beschreiben kann, wie ich mich gerade fühle …
nachdem es 2012 schon meinem flossenbürg-büchlein gelungen ist, als unterrichtsstoff an der austin peay state university in amerika für einen deutschkurs verwendung zu finden, wurde nun meine kleine geschichte
„von der zufriedenheit“ in das deutsch-lehrbuch für amerikanische universitäten aufgenommen.
ich kann es euch leider nicht empfehlen, weil es nicht zum verkauf bestimmt ist und wenn erhältlich, dann nur in amerika und dort sage und schreibe über 170 euro kostet, aber –
wie war das noch mit dem prophet im eigenen land?

wie gehts