Dementia-Poetry – Handwerkliches


Ich stellte mir ein handwerkliches Grundgerüst auf.
Es geht mir darum, dass diese Menschen nicht so leicht mit Sätzen zu erreichen sind. Da sie auch oft Begriffe nicht mehr richtig zuordnen, kann man also nicht über den Inhalt an sie heran.

Es ist wichtig, in ihnen etwas zum Klingen zu bringen. Sei es durch einzelne Worte, die Erinnerung hervorrufen oder Schwingungen in ihnen auslösen. Durch Klang oder Rhythmus, oder Intensität der Wiederholung.
Ein Sing-Sang wäre gut, aber natürlich möchte ich nicht LaLeLu oder Tralala verwenden.

Also denke ich, die richtigen Ingredienzien wären

• Einzelne bekannte Begriffe aus dem Alltag
• nach Möglichkeit aus einem Alltag vor vielen Jahrzehnten
• Wiederholungen
• Klangbilder
• Auch sollte viel Raum bleiben, um den Hörern Zeit zu geben, die Worte anzunehmen, sie zuzuordnen, um sie dann in der Wiederholung wieder zu erkennen
• Der Inhalt sollte sich auf jeden Fall auf ein Erwachsenenleben beziehen
• Die Texte sollten so einfach vorzulesen sein, dass sie jeder vortragen kann – vornehmlich Angehörige. Einfach einen Rhythmus ergeben, um sich dem Hörer widmen zu können, nicht dem Vortrag.

Für eine öffentliche Lesung gäbe es natürlich noch besondere Punkte zu beachten.
• Nicht von einem Standort aus lesen, sondern auf die Leute einzeln zugehen, sie direkt ansprechen
• Blickkontakt suchen
• Eventuell mit Bewegungen oder auch Gegenständen unterstützen

Ja, und nun will ich einmal schauen, was aus meiner Idee wird. Werde ein bisschen herumexperimentieren.

Und – bin für Anregungen sehr dankbar!

Wenn jemand eine Idee hat für Begriffe, die ansprechen könnten, oder auch, wenn noch etwas wichtig erscheint, um verständlicher zu werden.
Oder auch wenn jemand einen Link weiß, wo es doch Texte für Demenzkranke gibt. Vielleicht habe ich ja nur nicht gut genug gesucht …

Da würde ich mich sehr darüber freuen und danke schon im voraus dafür!

 

Writer’s Life in miniatures II.

 

Bauchladenautor

Ich bin ein Bauchladenautor. Nein. Nein. Kein Buchladenautor.
Bauchladenautor. Ein Genre. Geboren in den Jahren des Digitaldrucks.
Grenzen wurden dichtgemacht. Andere geöffnet. Von der Marktwirtschaft. Im Verlagswesen.
Ich nütze. Möglichkeiten, die es Jahrhunderte vor mir nicht gab.

Im großen Zirkuszelt. Üben sich Clowns im Flic Flac. Unter der Peitsche der Dompteure.
In den Clubs. Tanzen Autoren nackt. An der Stange ihrer Texte. Nur in der Arschfalte findet sich Platz. Für die Geldscheine der Investoren.
Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Drängt sich das teuer blutende Druckwerkvolk. Hinter den Ständen aus durchsichtigem Plexiglas. Wächst ein Müllberg. Aus verrottenden Haufen an Geschwätzpapier.

Ich drehe meine Orgel selbst. An der Ecke. Die ich mir ausgesucht. Im Tingel-Tangel ist das Leben bunt. Und echt.
Abgeschminkt steht man vor dem Publikum. Direkt. Verantwortlich.
Man liest. Man diskutiert. Man verkauft. Wird nicht verkauft. Auch nicht gekauft.

Ich stelle es geschickt an. Finde Münzen in dem Hut. Den ich am Abend leere.

Immer und überall. Trage ich meinen Bauchladen bei mir. Klappern gehört zum Handwerk.
Aktiv muss man sein. Als Bauchladenautor. Kreativ. Schreiben allein genügt nicht. Muss zu allem stehen. Können. Was man tut. Immer und überall.

Und ist kein Hampelmann. Kein Spiegelküsser. Sondern ein Profi.
Eine Ich-AG. Nennt man das heute. In der Marktwirtschaft.
Ich. Nenne mich. Verlagswesen.

 

bauchladen

 

bauchladenautor - audio

 

 

In der Umarmung des Alters VII.

 

Geistzeit

Ich bin ein Wirtschaftsfaktor. Sonst nix. Mehr.
Für die Gesellschaft. Im Allgemeinen.
Für meine Familie und Freunde natürlich nicht. Dafür habe ich gesorgt.
Vorsorgen ist wichtig. Wenn auch anders als in der Werbung propagiert.

Als Wirtschaftsfaktor hat man ein gutes Leben. Es werden viele Produkte und Aktionen angeboten. Man kann sie nützen. Oder nicht. Aber es gibt sie. Immerhin.
Wieder einmal: die Gnade der Geburt!

Dass man dem Alter in der Öffentlichkeit sonst keinen Raum gibt, schafft der Persönlichkeit große Räume. Ein Schritt neben dem Mainstream lebt es sich angenehm. In jedem Alter.
Doch in der Jugend wird das bemerkt. Und ist ein Makel. Den Makel des Alters gibt es nur pauschal. Als Zeitgeist.
Doch was interessiert mich der Zeitgeist?

Ich habe vorgesorgt. Mein Geist ist zeitlos. Und meine Zeit nicht geistlos.

 

In der Umarmung des Alters VI.

 

Erfahrungen

Sie stampft mit dem Fuß auf.
„Mama sagte – das verstehst du nicht. Da bist du noch zu jung dafür. Wieso glauben die Alten immer, dass sie gescheiter sind?“
Ich lächle. Ich verstehe sie gut.
„Liebes“, sage ich, „wir sind nicht gescheiter, sondern erfahrener.“
„Aber deshalb kann ich doch auch etwas verstehen.“
„Selbstverständlich. Und deine Sicht auf die Dinge sollte für die Alten immer interessant bleiben.“
Sie schmiegt sich flüchtig an mich.
„Entschuldige bitte!“
„Wofür?“
„Für die Alten.“
„Komm, lass uns nicht an Begriffen hängen bleiben. Du nicht am Zu-jung-sein. Ich nicht am Alt-sein. Doch deine Sicht auf die Dinge haben die Alten wahrscheinlich schon hinter sich. Du aber musst noch viele Erfahrungen machen, um eine reifere Sicht auf die Dinge zu bekommen.“
„Wenn ich das schon höre. Erfahrungen machen. Ich will einfach leben.“
Ich lächle wieder.
„Leben ist, aus Erfahrungen zu lernen.“
Sie kräuselt die Nase.
„Wie das schon klingt …“
Wieder verstehe ich. Doch wie kann ich ihr helfen, zu verstehen?
Meine Erfahrung wird mir einen Weg zeigen.

 

Lebe vor dem Tod!

 

Weil ich in den letzten Tage in den verschiedensten Situationen damit konfrontiert wurde, eines meiner Lieblingszitate, von einem meiner hohen geistigen Mentoren.
Leider ist er viel zu früh verstorben und es blieb mir verwehrt, ihn persönlich kennen lernen zu dürfen.

Prof. Erwin Ringel:
Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wir wissen es nicht.
Aber eines ist sicher: Es gibt ein Leben vor dem Tod.

Lebe es!
Denn für dich ist es nicht egal, wie dieses Leben vor dem Tod aussieht,
so lange du am Leben bist.
Unser Sinn liegt in uns selbst, nicht in dem, was uns umgibt.

 

In der Umarmung des Alters V.

 

Maler des Lebens

Herbstlich bunt ist mein Blick geworden. Und ich stülpe seine Wärme in mich. Sammle Laub. Je länger ich lebe, desto mehr Wärme konnte ich in meinem Inneren sammeln. Im Winter, wenn ich nicht mehr vor die Tür gehen kann, wird es bunt und warm in mir sein.

Ich denke an die Jugend. Zuviel Schwarz-weiß in meinem Streben. Die Buntheit kam von Plakatwänden. Trug Hochglanz nur in Magazinen.
Meine Augen suchten die Ferne. Sie verhieß das Glück des Frühlings. Die Hitze gaukelte die Liebe des Sommers. Zu mir.
Wer mich nicht liebte, war ein schwarzer Punkt. Wer mich liebte, falsch informiert. Ich selbst, ein blinder Fleck. Und doch nicht weiß.

Erst kam das Grau. Dann die Erkenntnis.
Erfahrung ist der Maler des Lebens. Ich habe ihn getroffen. Zur rechten Zeit.
Mein Herbst ist bunt. Im Winter wird mein Haus warm sein.

 

In der Umarmung des Alters IV.

 

Sehen und gesehen werden.

Sehen.
Natürlich trage ich eine Brille. Und natürlich ist sie bunt. Ich sehe damit, was ich sehen will. In der Nähe sehe ich besser. Und das ist gut. Nähe ist wichtiger geworden. Nähe richtig zu erkennen.
Für die Weite nehme ich die Brille ab. Alles wird weich. Und ich sehe mit dem Herzen.

Gesehen werden.
Ist nicht mehr so wichtig. Ich will auf kein Plakat. Und auf keine Bühne mehr.
Will die Nähe. Und die – sehe ICH.