Urlaubstage auf dem Zauberberg


Zehn Jahre war es her. Wir hatten das Hotel in guter Erinnerung, aber es hatte sich zwischenzeitlich nicht ergeben, hierher zu kommen. Wir hatten Spa├č daran, immer neue Wellness-Hotels kennen zu lernen. Auch suchten wir gerne Orte auf, wo wir am Abend ein wenig Infrastruktur vorfanden, um noch wo gem├╝tlich ein Glas Wein zu trinken, oder ein T├Ąnzchen zu wagen.
Dieses lag nur zwei Autostunden von unserem Wohnort entfernt und in einer traumhaften sch├Ânen Umgebung. Wunderbar ruhig, weil einschichtig an einen Hang gebaut, von dem aus man in ein Tal mit weiten W├Ąldern und einem kleinen Teich sehen konnte. Sehr idyllisch, aber wie gesagt, auch sehr einsam.
Nun hatten wir erfahren, dass ein gro├čer Umbau des Wellness-Bereiches vorgenommen wurde. Das machte uns neugierig.

Schon bei der Ankunft waren wir fasziniert. Das alte Stammhaus war in ein gl├Ąsernes Umfeld eingepackt worden. Sah toll aus und zerst├Ârte auch den Gesamteindruck der urspr├╝nglichen Gem├╝tlichkeit nicht. Da hatte einmal ein guter Architekt gearbeitet. Wie man wei├č, sind Architekten sonst ja eher Feindbilder f├╝r mich.
Das Zimmer ÔÇô vom Feinsten. Rustikal und modern. Aber nicht als Kombination, sondern als Einheit. Viel Holz in graubraunenT├Ânen, dunkelbraune Polsterm├Âbel, mildorange Kissen und ein farbenfrohes abstraktes Acrylbild. Eine Glasfront zur ger├Ąumigen Loggia, mit traumhaftem Panoramablick. Das Bad als gl├Ąserner Kobel in der Ecke des Appartements. Doppelwaschbecken, verschiedenste Duschen, teuer gl├Ąnzende Armaturen. Strahlend wei├če Handt├╝cher, Badet├╝cher, Saunat├╝cher, Badem├Ąntel, Badeschlapfen. Selbstverst├Ąndlich Begr├╝├čungsobst und ÔÇôdrinks auf dem Zimmer. Und eine h├╝bsche Badetasche.

Der Speisesaal, nein, die R├Ąumlichkeiten des Restaurants, denn es gab mehrere, harmonisch elegant, und auch hier ÔÇô dennoch sehr gem├╝tlich. Durch wei├če Ledersofas waren Nischen um die Tische gebildet. Von der Decke hingen gro├če beige Lampen, die angenehmes Licht verbreiteten. Gedeckt war selbstverst├Ąndlich perfekt und fleckenfrei. Blumen und Kerzen inklusive. Auch hier wieder die obligaten Fensterfronten zur Natur pur.

Die M├Ądchen ausnahmslos sehr h├╝bsch. Mit pers├Ânlichem Charme und nat├╝rlicher Freundlichkeit und dem Willen zum Verw├Âhnen der G├Ąste.

Und dann der Wellnessbereich. Ich bin ja diesebez├╝glich kein Greenhorn. Aber dieser geh├Ârte sicher zu den tollsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.
Was mir immer besonders gut gef├Ąllt: Wenn nicht am Platz gespart wird. Und hier war alles gro├čz├╝gigst angelegt. Mehrere Ruher├Ąume (die meisten wieder mit Panoramaverglasung), auch kleine R├╝ckzugsorte, die ├╝blichen Saunen, Dampf- und sonstigen B├Ąder, gro├čes Hallenbad, tolles geheiztes Au├čenbecken, eine Liegewiese mit bequemsten Liegen und Sitzgruppen, und alles von Glas statt Zaun umrandet, damit kein Millimeter Blick auf die Natur verlorenging.
Die Vitalrezeption elegant und vornehm, die angebotenen Behandlungen und Massagen lie├čen keine W├╝nsche offen.
Nat├╝rlich gab es auch eine Vitallounge, mit Tees und S├Ąften, Obst, und Keksen ÔÇŽ

Ein Paradies! Ich war begeistert.
Ich verbringe meine Wellnessurlaube mit stundenlangem Schwimmen ÔÇô am liebsten in Au├čenpools. Dann Sauna und/oder Dampfbad und Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Hier konnte ich das perfekt durchziehen. Das sah ich auf den ersten Blick.

Warum ich das alles schreibe? Nicht um Werbung zu machen und auch nicht um Neid zu erregen.
Aber wer bis hierher gelesen hat, der hat nun wahrscheinlich einen ganz bestimmten gen├╝sslichen Eindruck bekommen. Zumindest ging es mir so.

Und dennoch stellte sich das uneingeschr├Ąnkte Hochgef├╝hl nicht ein.
Ich haderte ein wenig mit mir, dachte, bin ich denn schon so verw├Âhnt? Gerade ich, die ich auch mit sehr wenig sehr gl├╝cklich sein kann. ├ťblicherweise kann ich diese Tage im f├╝r mich Luxus wirklich zelebrieren und absolut genie├čen. Ich bade in der Dankbarkeit. Als ich ein Kind war, und mit meiner Mutter in einem Kabinett hauste, ohne eigenes Bett, mit einem Lavoir auf einem wackeligen Stockerl, in das aus einer rostigen Blechkanne Wasser, selbstverst├Ąndlich eiskalt, von der Bassena gef├╝llt wurde und einem K├╝bel f├╝r die Ausscheidungen, der dann in ein Sammelklo geleert werden musste, da sah ich es nicht als vorbestimmt f├╝r mich an, dass ich jemals solche Tage verbringen d├╝rfen w├╝rde.
Und jedes Mal denke ich daran. Und meinen Standardsatz: Demut ist angesagt ÔÇŽ

Und diesmal? Auch, eh klar. Und doch ÔÇŽ
Dieser Luxustempel war besucht von Stammg├Ąsten, die schon Jahrzehnte hier ihre Urlaube verbringen. Die meisten kommen mehrmals im Jahr und haben schon ihre fixen Termine daf├╝r. Und kennen einander untereinander auch schon sehr lange.
An sich kein Problem, ich brauche keine Menschen zur Kommunikation in so einem Haus, im Gegenteil, ich selbst versuche, ihr aus dem Weg zu gehen. Ich pflege da viel lieber meine Ruhe, sogar mein Mann geht tags├╝ber andere Wege als ich. Also daran konnte es nicht liegen.
Ich gr├╝belte weiter ÔÇŽ

Wie immer, wenn ich mit denken nicht weiterkomme, versuchte ich zu sp├╝ren. Und da sp├╝rte ich mich pl├Âtzlich als Bestandteil eines Ganzen.
Als ich die Augen ├Âffnete, wurde mir klar, dass ich mich auf einem Zauberberg befand. Hier war beinahe keiner j├╝nger als wir. Wir waren „breite Masse“. Und nicht zu wenige waren bedeutend ├Ąlter.

Wie auch von mir bekannt, habe ich ein Faible f├╝r alte Menschen und erkl├Ąrterma├čen kein Problem mit meinem Alter. ├ťblicherweise macht mich der Blick auf ├Ąltere Menschen, die es sich gut gehen lassen, froh und zuversichtlich. Aber diesmal ÔÇŽ

Ich kam mir auf einmal vor wie in einem Altersheim der gehobenen Klasse.
Waren es auf dem Zauberberg von Mann die Tuberkulosekranken gewesen, die in exquisitem Ambiente versuchten, gesellschaftliche „Normalit├Ąt“ zu zelebrieren, die sich von ihrer Krankheit nicht beeindrucken lie├č, so erschien es mir pl├Âtzlich so, als w├╝rden dies hier die betagteren Herrschaften ebenso machen.

Im Schwimmbad tummelten sich alte Damen, die an den R├Ąndern des Bassins hingen und sich ├╝ber ihre Pensionen unterhielten und ├╝ber die Leistungen, die sie in Anspruch nahmen. Und selbstverst├Ąndlich zweimal am Tag bei der Wassergymnastik mitmachten. Immer verausgabten sich nette alte Herren auf den Fitnessger├Ąten (die ich nur beim Vorbeigehen sah ÔÇô weil nat├╝rlich auch hinter Panoramaglas), stylish gekleidet, mit schneewei├čen Handt├╝chern um den Hals.
F├╝r Massagetermine war es f├╝r mich zu sp├Ąt. Denn diese wurden von den G├Ąsten bereits von zu Hause gebucht. Und auch die Kosmetikerinnen fanden kein Pl├Ątzchen mehr f├╝r mich.

Ich musste feststellen, dass es mir lieber ist, wenn ich in einem Wellnesshotel zu den wenigen ├älteren geh├Âre. Das Gef├╝hl, wenn ich um mich blicke und j├╝ngere Gesichter sehe, wirft ein anderes Spiegelbild in meine Seele als dieser Anblick.
Auch sind die j├╝ngeren Leute meistens tags├╝ber unterwegs, machen Wanderungen oder Besichtigungsausfl├╝ge. Deshalb ist im Haus fast niemand zu sehen. In der Sauna bin ich oft und gern allein. Nicht so hier. Denn viele alte Herren sind passionierte Saunageher. Was allerdings den Vorteil hat, dass sie meistens auch begnadete Aufgie├čer sind ÔÇŽ
Doch tagelang nur Faltenw├╝rfe, selbst wenn ich meine Brille erst am Abend aufsetzte, oder die Konversation an Nichts, der aufgesetzte Schm├Ąh, oder die selbstmitleidigen Lamentos, deren man sich nicht entziehen kann, weil die Lautst├Ąrken daf├╝r nat├╝rlich angehoben sind, das ging mir doch irgendwo ans Gem├╝t.

Sogar das Schwimmen im Freien im dichten Nebel, das ich sonst ├╝berall allein zelebriere, war mir hier nicht verg├Ânnt. Im warmen Becken, mit hochaufget├╝rmten Badehauben, wurden hier die neuesten Geschichten ├╝ber Arzt- und Rehaaufenthalte, ├╝ber neue H├╝ften, Knie- oder sonstigen Gelenksersatz, ausgetauscht.

Nat├╝rlich hatte ich meine Ohrst├Âpsel mit und deshalb herrschte bald Ruhe in meinem Kopf und da, wie gesagt, viel Platz und Raum hier war, konnte ich mich immer wieder an einen sch├Ânen Ort der Stille zur├╝ckziehen.
Aber ÔÇŽ es war anders als sonst.

Ich sah mich einfach selbst. All das genie├čend, was die Jugend gar nicht sucht! Weil es f├╝r sie selbstverst├Ąndlich ist. Junge Leute machen keine Wellnessurlaube! Die wollen was erleben. Fremdes, Unbekanntes sehen.
Harte Betten, ├╝berf├╝llte Str├Ąnde, n├Ąchtliche Kakophonien unter ihren Fenstern, sind f├╝r sie kein Grund, sich Urlaube vermiesen zu lassen. Sie kennen keine Angst vor Eisw├╝rfeln aus unsauberem Wasser, nicht vor Kakerlaken in s├╝dlichen Gefilden, unsicheren Autos oder steilen unbefestigten Wegen auf dem Weg zum Gipfelkreuz.

Nur für uns Ältere sind Genuss von Raum und Stille, ein weiches Bett, gutes Essen und aufmerksame, um unser Wohl besorgte junge Menschen das, was wir uns nie erwarten konnten.

Und noch etwas machte mir schwer zu schaffen.
Meine Generation und die davor, wir sind es, die den Gro├čteil des Tourismus in unserem Land erhalten. Ein Wirtschaftsfaktor, der sich in solche Feudalghettos treiben l├Ąsst, weil genau das an uns erkannt wurde. Denn junge Menschen interessiert das einerseits nicht und andererseits k├Ânnen sich Familien diese Art der Ferien wohl nicht leisten.

Ich sagte bisher immer – Ich f├╝hle mich, wie ich mich f├╝hle. Wei├č nicht, ob das ├Ąlter oder j├╝nger ist als ich bin. Alt f├╝hle ich mich jedenfalls nicht. Und manipulierbar bin ich nur schwer.
Und nun?
Ja, ich f├╝hlte mich pl├Âtzlich alt und werde dar├╝ber manipuliert. Denn ich bin mitten drin.

Auch mich wird das nicht daran hindern, wieder einen solchen Urlaub zu machen.
Das n├Ąchste Mal allerdings wieder in einem Seminarhotel. Da rennen so viele junge, aktive Menschen herum. Und nur abends, denn tags├╝ber sind sie in ihren Seminaren ÔÇŽ

┬ę evelyne w.

panorama

 

Mein Gef├╝hl ist ein Eichh├Ârnchen

 
eichhoernchen

W├Ąre mein Gef├╝hl ein Tier, w├Ąre es wohl ein Eichh├Ârnchen. Ich sp├╝re ganz deutlich wie es immer wieder in meinem Bauch nagt, besonders wenn du nicht hier bist. Wie es sich bei deinem Anblick springend voranbewegt, B├Ąume hochklettert und Vorr├Ąte eingr├Ąbt in den Boden gemeinsamer Tage. Wenn du es mit ├ärger n├Ąhrst, dann vergisst es auch schon mal auf seine angelegten Vorr├Ąte, aber dann sucht es so lange, bis es wieder ein Versteck findet, in welchem es die Zapfensamen unserer Liebesfichte gelagert hat. Seine Ohrpinsel streichen meine Magenw├Ąnde entlang, um sie vor dem Zusammenziehen zu bewahren, wenn die Angst um dich ihre S├Ąfte hochpumpt. Es balanciert und rudert mit seinem Seelenschwanz, der so lang ist wie der K├Ârper, damit unsere Mitte nicht aus dem Gleichgewicht ger├Ąt. Baut viele Nester, nicht nur f├╝r dich und mich, doch geht es irgendwo bergab, dann l├Ąuft es mit dem Kopf voran, um sich selbst zu sch├╝tzen. Alles frisst es, alles, aber es ist gelehrig und lernt ganz rasch, wie es die harten Schalen aufbricht und wegwirft, um deine s├╝├čen Kerne zu genie├čen. Ein Einzelg├Ąnger, mein Gef├╝hl, das auf uns schaut und nicht erwartet, dass du es f├╝r mich tust.

┬ę evelyne w.

mein spezieller dank gilt sarah, bei der ich einen text fand, der mich nicht nur begeisterte, sondern auch zur hinterfragung anregte: Der mit dem Nashorn tanzt

abendlandrot

 

rot flimmert es am horizont. im himmelsdunst in blasser mondsichel schaukelt ein kleiner krieg. die welt hebt kurz den blick. so sch├Ân das abendrot! so sch├Ân der mond! der kleine krieg l├Ąsst sich zur erde fallen. zieht gro├če spur in fackelnd rot. der mond erschrickt und ward nicht mehr gesehen. doch ihn trifft keine schuld.

┬ę evelyne w.

lintschi liest abendlandrot