Auf der Suche nach der Freiheit
I. Hilflosigkeit

Ich glaube, die meisten Menschen träumen davon, ihr Leben selbstbestimmt und frei zu leben. Die wenigsten können es. Unter diesen befand auch ich mich.


Die „Kunst des Liebens“ und die Anerkennung der Selbstverantwortung hatten mich schon sehr weit gebracht. Auf jeden Fall so weit, dass ich meinem Leben eine andere emotionale Qualität geben konnte, als ich sie bei den meisten meiner Mitmenschen erkannte.


Und doch – etwas fehlte. Frei und selbstbestimmt fühlte ich mich dennoch nicht.


Und auf einmal machte es mir sogar Beschwerden. Die Situationen, die ich außerhalb meines schon recht wohlsortierten Ichs vorfand, begannen mich zu ängstigen. Die politische Entwicklung in meinem Heimatland, das Erkennen der mangelnden Empathie und Menschlichkeit bei vielen meiner Mitbürger, die unmenschlichen Auswüchse der Konsumgesellschaft und des damit einhergehenden Erkennens der zunehmenden Sinnentleerung des Lebens, die Weltlage an sich, die von Kriegen, Hungersnöten und Umweltkatastrophen geprägt wurde.


hilflosigkeit

 

Mit meiner Selbstverantwortung, die ich ja schon gut gelernt hatte, kam ich da nicht wirklich weiter. Die Ängste wuchsen. Ich fühlte mich wie eine Trauminsel, die von außen bedroht wurde.


Und wieder war es Erich Fromm, der mich auf die richtige Spur brachte. Diesmal mit „Furcht vor der Freiheit“. Ich erkannte die fatale Manipulation, durch die allgemeine Auslegung von Hilflosigkeit und Machtlosigkeit, die keinerlei Freiheit zulässt.


Denn – Wir können nicht frei sein, wenn wir uns hilflos fühlen.
Wir können nicht frei sein, wenn wir uns der Macht beugen.
Hilflosigkeit und Machtlosigkeit ins Leben einzubinden, bringt Unfreiheit.


Und wir selbst sind es, die diese beiden Kräfte in unser Leben einbringen! Diese sind nämlich keineswegs unbedingt zur menschlichen Ausstattung gehörig und deshalb ganz und gar nicht „gottgegeben“. Sich in diesem Zustand zu fühlen, ist uns schlicht und einfach anerzogen.


Die Erkenntnis dieser Wesensgrundlagen ermöglichte es mir, sie weitgehendst aus meinem Leben zu entfernen. Und sofort winkte mir die Selbstbestimmung zu, die uns die größte Grundlage zur Freiheit bietet.


 

I. Hilflosigkeit

 

Der wache erwachsene Mensch ist niemals hilflos. Er kann gar nicht hilflos sein, weil er immer die Entscheidung für sich und sein Leben trifft. Die kann ihm niemand abnehmen und deshalb gibt es auch keine Hilflosigkeit, weil wer entscheidet, ist nicht hilflos.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass auch die Bitte um Hilfe oder Hilfe anzunehmen, keinerlei Hilflosigkeit beinhaltet. Weil auch dies wieder die eigene Entscheidung ist.

Und da erkennt man doch sofort: Auf diese Art zu denken, wurden wir nicht erzogen!


Wir kommen aus der Hilfsbedürftigkeit des Kindes in eine Erziehung, die nicht darauf ausgerichtet ist, Entwicklung zu fördern. Kinder werden erzogen und zwar mit den endlos überlieferten Gedanken und Ritualen ihrer Altvorderen.
Je weiter ein Kind ins Bewusstsein schreitet, desto weniger wird es jedoch hilfsbedürftig. Die Hilflosigkeit wird ihm also erst danach anerzogen.

Es wird ihm anerzogen, dass es dieses und jenes nicht kann und deshalb auf Hilfe angewiesen ist. Anstatt die Kreativität zu fördern, diese scheinbar hilfebedürftigen Situationen meistern zu können. Mit Hilfestellung, das ist etwas anderes als einem Kind Hilflosigkeit anzuerziehen.
Wir sollten Kindern Hilfestellung geben, damit sie sich selbst erfahren können, um ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten entwickeln und ausbauen zu können. Da ist kein Funken Hilflosigkeit drinnen und ein Kind, das dieserart unterstützt würde, müsste die vermeintliche Hilflosigkeit auch nicht in sein weiteres Leben mitnehmen.


Die Hilflosigkeit ist ein Status, dem die meisten Menschen ihr ganzes Leben lang ausgesetzt sind. Weil es so konditioniert ist, aber nicht weil es so der Wahrheit des Menschen entspricht.


Die Wahrheitsgrundlage des Menschen ist sein Leben.
Und wie anfangs beschrieben, ist der Mensch derjenige, der immer seine eigenen Entscheidungen trifft.
Es erscheint sofort überhaupt nicht logisch, warum ein Mensch nicht Entscheidungen aufgrund seiner Daseinsgrundlage fällt, sondern aufgrund dessen, was ihm irgendjemand vorgibt.


Eigentlich ist es ja so, dass bereits Babys und Kleinkinder ihre eigenen Entscheidungen treffen. Nur funktioniert es dort nicht auf bewusster und selbstbestimmter Ebene, sondern geschieht auf intuitiver und emotionaler Ebene. Aber auch ein Baby entscheidet bereits, wie es mit den äußeren Bedingungen umgeht.

Freud baute sein Lust-Unlust-Prinzip genau darauf auf.


Leider benutzen die Menschen ihre Entscheidungspflicht nur selten dazu, sich zur Aktion zu entscheiden. Die meisten entscheiden sich zur Passivität, bzw. gar Unterordnung. Und die meisten merken nicht einmal, dass sie es tun


Dort kommen wir dann zum Machtstreben. Aber jetzt sind wir noch bei der Hilflosigkeit. Wer sich hilflos fühlt und eine Aktion setzt, wird sofort merken, dass die Hilflosigkeit verschwindet. Auch wenn man dies jetzt als These liest, ist das doch sofort vollkommen logisch. Das heißt nichts anderes, als dass die Hilflosigkeit eine Folge der passiven Haltung ist. Viele glauben jedoch, es läuft umgekehrt. Sie verhalten sich passiv, weil sie sich hilflos fühlen. Aber das stimmt so nicht, weil – ja, nun schon bekannt – die Entscheidung immer bei uns liegt.


Selbstverständlich kann jeder Mensch in Situationen geraten, wo er einer größeren Hilfsbedürftigkeit ausgesetzt ist.


Doch können wir in der Zwischenzeit wohl schon unterscheiden, dass Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit zwei verschiedene Paar Schuhe sind.
Das ist deshalb wichtig, weil sich viele Menschen in alltäglichen Situationen hilflos fühlen, wo weit und breit keinerlei Hilfsbedürftigkeit in Sicht ist.
Und diese Hilflosigkeit verstellt ihnen das Leben, verkürzt ihnen die Freiheit, macht ihnen Beschwerden, bringt ihnen Probleme und Krankheiten.


Da ich weiß, dass diese meine Sicht viele Einwände hervorbringen wird, möchte ich auf einige gleich vorweg eingehen.

Für mich ist es immer wichtig, ein Prinzip zu erkennen, das selbstverständlich Gegenargumente zur Reflexion zulässt, um das Prinzip als Wahrheit zu erkennen. Erst wenn man es von allen Seiten hinterfragen kann, und es sich nicht verändert, ist dies der Fall. Also muss es auch für Extremsituationen Gültigkeit haben.


Andererseits bedeutet dies aber selbstverständlich nicht, dass man denjenigen, die nicht danach handeln (können) nun abwertend gegenüberstehen darf. Und schon gar nicht entspricht es dem Wesen des Menschsein, Hilfsbedürftige nicht zu unterstützen!


Hier geht es darum, denjenigen, die sich gern selbst helfen wollen, eventuell eine Perspektive aufzuzeigen, woran es im Leben manchmal hapert.
Da es mir immer wieder gelingt, durch Erkenntnisse mein Leben wesentlich leichter zu bewältigen und eine höhere emotionale Qualität einbringen zu können, beschäftige ich mich gern damit und würde es natürlich auch gern an andere weitergeben.


Nun aber zu den Einwänden, die selbstverständlich sehr leicht auftauchen können. Es gibt ja viele Menschen auf der Welt, die nicht in derart privilegierten Verhältnissen leben, wie wir. Die Gewalt, Unterdrückungen, Hungersnöten und noch viel mehr ausgesetzt sind.
Selbstverständlich kann man sich da hilflos fühlen.
Weil man sich die Situation, in der man sich befindet, nicht selber ausgesucht hat – was halt bei den meisten Menschen in der westlichen Welt doch weitgehendst nicht so ist. Wenn einem die Bomben um die Ohren fliegen, kann man leicht glauben, dass man nicht mehr selbst entscheidet. Und doch – das stimmt letztendlich vom im Menschen angelegten Prinzip her nicht! Immer noch liegt die Entscheidung, wie jemand mit einer solchen Situation umgeht, bei ihm selbst.
Die Situation konnte er nicht bestimmen, aber seinen Umgang damit sehr wohl. Und wahrscheinlich werden in solchen Fällen auch meistens Intuition und Überlebenstrieb die Entscheidung übernehmen. Aber von außen wird sie nicht gefällt.


Viktor Frankl schreibt in seinem Buch „… trotzdem ja zum Leben sagen“:

Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüßte nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, daß man dem Menschen alles nehmen kann, nur nicht, die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „So oder so“!


Doch mir geht es sowieso um Hilfestellung für Menschen in unseren Lebensbereichen. Die sich oft hilflos fühlen und es tatsächlich aber überhaupt nicht sind. Und durch genau diese Erkenntnis ihr Leben ungemein erleichtern können.

 

 

Die „Machtlosigkeit“ folgt … demnächst … (wahrscheinlich 😉 )

 

 

8 thoughts to “Auf der Suche nach der Freiheit
I. Hilflosigkeit”

    1. danke lieber helmut,

      ich freue mich sehr, dass du dich mit meinem text auseinandergesetzt hast und dass du mich offensichtlich auch richtig verstanden hast. das ist nämlich absolut nicht bei jedem so …
      allerherzlichsten gruß
      lintschi

  1. Kinder brauchen nur zu brüllen und alles tanzt nach deren Pfeife, damit endlich wieder Ruhe ist. Ein Erwachsener aber muss sich selbst um seine Bedürfnisse kümmern. ( Das braucht Kraft.) Und Perfektionismus ist dafür geradezu perfekt!
    Sei lieb gegrüßt (:
    Gundel

  2. Ich unterstreiche jede einzelne Zeile Deines Postings Lintschi und ich denke, ich weiß sehr genau, was Du uns damit sagen willst.
    Es verhält sich ganz genau so, wie Du schreibst. Zumindest kann ich es für mich absolut bestätigen und darüber bin ich sehr froh.

    Danke liebste Lintschi
    und ganz liebe Grüße
    Fini

    1. Oh liebe Fini,

      ich habe deinen Kommentar übersehen. Asche über mein Haupt, bitte!
      Heißen Dank jetzt noch dafür und allerherzlichste Grüße
      Lintschi

      1. Aber nein liebe Lintschi. Das muss ja nicht unbedingt sein. Ich bin gerne hier, fühle mich wohl und poste auch nicht immer. Manchmal lese ich nur und poste dann eventuell beim nächsten Mal, aber das ändert nichts daran, dass ich gerne hier bin und Deine Sachen einfach gerne lese.

        Liebe Grüße
        Fini

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