am sonntag

 

und dann ist da
diese stille
die ich so liebe

wenn der morgen
sich in das haus schleicht
durch alle räume atmet
und mit seinen fingern knackt

die dusche
ihren jungfernstrahl
in kalten schauern
über mich flutet

und sich die minze
in die höhlen
meines mundes
breitet

dann der kaffee

auf dem balkon
ein stummes nicken
aller blütenköpfe

und aus dem fenster
hinter mir
schnarcht es sonor

dann bist es
wieder du
den ich so liebe

© evelyne w.

 

nächtigung mit frühstück

 
ich möchte deine augen schlucken
alles sollst du in mir sehen
geheimnisse für dich geschrieben
ohne wort einfach verstehen

ich möchte dich mit fingerspitzen
atmen in meiner brüste tiefe
weil deine haut dann immerzu
warm an meinem busen schliefe

ich möchte meine liebestode
mit dir in deinem bette sterben
und in der morgenauferstehung
die herzensreste dir vererben

ich möchte mit zerzausten haaren
barfuss durch dein erwachen laufen
und um die ersten sonnenstrahlen
für dich ein sternenfrühstück kaufen

© evelyne w.

naechtigung mit fruehstueck- audio

 

 

ich liebe

 
ich liebe

dich an den tagen
wo die welt ganz flach wird
das licht sich
in den ecken drängt
und nur dein mund
mein sein beatmet

ich liebe
dich in die tage
an denen mein mund
spuren legt
in deine ecken
um dunkelheiten
auszuspülen
die das gestern
in deine nächte legt

ich liebe
dein dich an mich drängen
bevor die einsamkeit
dich mit sich zieht
dein greifen nach
der zärtlichkeit
um dich zu finden
in der ewigkeit
des uns

© evelyne w.

ich liebe - audio

 

die wölfin

 
am rand der nacht reibe ich mein fell. blank
lege ich meinen blick in den schoß des mondes. stille
umsäumt deinen ruf. mein schrei
ist kein klagen. an deinen fängen
glänzt neues leben

 

Variation:

am rand der nacht
reibe ich mein fell
blank
lege ich meinen blick
in den schoß des mondes

stille umsäumt deinen ruf

mein schrei
ist kein klagen

an deinen fängen
glänzt neues leben

© evelyne w.

 

wir leben worte

 
es leben worte
in den tagen
wo deine augen
mir gedanken flüstern

in den nächten
wo du sie stumm
auf meiner haut
spazieren trägst

und an den morgen
wo dein mund mich
ins erwachen küsst

wir leben worte
die ungesagt
uns so viel sagen

© evelyne w.

 

mein herbstrotes haar

herbstrot


mein herbstrotes haar
wehe ich zu dir
blattgoldgesprenkel
in nachtgrünem blick

es war der frühling
der den morgen aufließ
wie eine taube
in die weite dunstiger ahnung
sonnengespinste
zeichnete auf den
scheitel der verheißung

und zarte knospen trieb
aus den ästen mit denen wir
die welt umarmten

als der morgen fiel

ließ er die früchte
der erinnerung zurück
im korb der sehnsucht

und kahle äste
recken sich
in den abend
auf dem scheitel
meines herbstroten haars

© evelyne w.

mein herbstrotes haar - audio

 

frivolities I/I – das familienfest

 
das familienfest

I. vorbereitung

ich habe heute noch rasch die tischordnung für unser morgiges familienfest gemacht. ein bisschen schwierig war es schon, denn ich konnte mich lange nicht entscheiden, sollte ich dich links oder rechts neben mich setzen.
einerseits liebe ich es, an deiner linken schulter zu lehnen und deinen duft in kleinen tröpfchen von deinem hals zu trinken. andererseits sind es doch die finger deiner rechten hand, die so oft mit ihrer zärtlichkeit das tor meiner lust öffnen.

die entscheidung fiel, als tante klara mit den tischtüchern kam.
sie sind groß genug, dass meine uns gegenübersitzende mutter besorgt fragen wird:
meine tochter, ist dir heiß? dein gesicht ist so rot und deine augen glänzen so feucht.

wie du siehst, habe ich mich für deine rechte seite entschieden.

© evelyne w.

 

frivolities I/II – das familienfest

 
das familienfest

II. resümee

es war ein schönes fest.
alle saßen unter dem nussbaum an dem langen tisch, der so üppig geschmückt war mit blumen und sternen aus unseren träumen und den früchten, die wir so sehr mögen. die dunklen trauben ließen das schäumen ihres blutes ahnen.
nach dem essen lehnte ich mich genüsslich zurück und naschte von dem schönen käse und dem würzigen schwarzbrot, das du mir in kleinen stückchen in den mund schobst. der rotwein zimtete ganz leicht und erinnerte mich an mondscheinnächte, an unsere picknicks auf dem holzsteg über dem see. der duft von frischem schlamm schwindelte sich in meine nase.

ganz besonders erfreute mich onkel herrmanns kleine malteserhündin saschki, die so gern bei meinen füßen lag und zu der du dich immer wieder hinabbeugtest, um sie zu streicheln, so lange und so oft, dass meine uns gegenübersitzende mutter plötzlich fragte:
meine tochter, warum stöhnst du?

es war eine gute entscheidung gewesen, neben deiner rechten hand zu sitzen.

© evelyne w.

 

frivolities I/III – das familienfest

 
das familienfest

III. der tiger

ich sah ihn, als cousin jonas sich zu mir herabbeugte, um mich zum abschied zu küssen. an seiner etwas kratzigen wange und seinem ohr vorbei, sah ich ihn auf dem saum des weinbergs unruhig auf und ab laufen. hin und her, her und hin. geschmeidig und seine kraft erahnen lassend, mit edlen nervös zuckenden flanken.
der tiger.
er wandte mir die augen zu und in ihrem flackern erkannte ich sofort mein schicksal. in meinem unterleib machte sich ein süßes ziehen bemerkbar und ich schob cousin jonas rasch von mir und sprang auf. so rasch, dass meine mir gegenübersitzende mutter sagte:
meine tochter, du willst doch nicht schon gehen?
ich muss, sagte ich, und zwar sofort!

langsam gingen wir nebeneinander her. seine samtweichen, elastischen schritte konnten mich nicht täuschen. wir sprachen kein wort, denn ich spürte, meine stimme würde mich verraten und er würde sich sofort auf mich stürzen, wenn er nur das leiseste signal erhielt. das opferlamm meines fleisches zitterte, nur mühsam verborgen.

eine kleine gruppe bunt gekleideter menschen querte unseren weg. wir mussten stehen bleiben, ich seufzte unwillkürlich und wie ich es gewusst hatte, stürzte er sich sofort auf mich. mit einem einzigen prankenschlag riss er mir das kleid herunter. noch wollte er ein wenig spielen mit der beute, zog seine krallen ein, strich zärtlich mit der pfote über meine brust und versuchte, wie ein kleines kätzchen an ihr zu saugen.
doch ich warf den kopf zurück und bot ihm meinen hals. da war für ihn das spiel zu ende, tief schlug er seine zähne in mich. kein schrei entkam meinen lippen. eins sein, eins sein mit dem tiger, war mein wunsch und glücklich schluchzend ließ ich mein heißes blut in ihm verrinnen.
ich öffnete die augen, wollte sehen, ob sein blick von meiner aufgerissenen nacktheit trank. siegessicher flackerte er über die fährte, die er selbst legte, schnuppernd und leckend folgte er ihr, für mich fast unerträglich langsam.
komm endlich! stöhnte ich. teile mich mit deinen stößen. und wenn du mich zerreißt, werden alle stücke einzeln, sich doch wieder nur nach dir sehnen.

zärtlich leckte der tiger meine wunde sauber, ganz langsam begann die knospe der liebe wieder rosig zu erblühen, ich lieferte mich ihm ganz aus und ließ mich fallen.

meine tochter! meine tochter, um gottes willen!
schrie meine mir gegenübersitzende mutter.
ich war doch glatt vom stuhl gefallen.

ach liebster, wenn ich mich dir, nicht einmal auf einem familienfest, mehr entziehen kann, was soll nur aus mir werden?

© evelyne w.

familienfest - audio

 

sternenblues

 
aus sternennacht
wälzt sich der blues
schleppt dunkle töne
in das lied der sehnsucht

hinter verbissenem mund
zieht atem flache kreise
aus leeren augen
rieselt schwarzes salz

in brünstig‘ blut
ein saxophon verzittert

aus weicher kehle
stürzt ein stummer schrei

© evelyne w.

sternenblues - audio