In der Umarmung des Vergessens XII.

 

Von der Kraft

Es war nicht leicht. Nein. Ganz und gar nicht.
Es war nicht leicht. Ihr Weggleiten zu sehen. Es wahrhaben zu wollen. Zu können.
Sie war die Mutter. Ist plötzlich Kind.
Die Angst fraß sich in meinen Schoß. Der sie niemals geboren.
Die Angst fraß mich. Die ich aus ihrem Schoß geboren.
Ein Spiegel schob sich vor ihr Gesicht. Vor mein Gesicht.
Schon einmal ging ich ihren Weg. Beinah zu lang.

Es war nicht leicht. Nein. Ganz und gar nicht.
Doch endlich sah ich. Ihr Gesicht. Nicht mehr den Spiegel.
Sah den Weg. Zu ihr.
Von ihr.
Zu mir.

 

In der Umarmung des Vergessens XI.

 

Auch ohne Worte

Sie mag nicht essen. Will unbedingt, dass ich ihre Mahlzeit esse. Den Tee schüttet sie aus.
Nur Kekse. Will sie immer.

»Iss!«, drängt sie mich.
»Nein, ich esse erst später.«
Ihre Augen werden unruhig. Bleiben auf dem Papierkorb hängen. Sie schüttelt den Kopf.
»Dort kann ich nicht.«
»Dann lass es stehen. Die Schwester nimmt es wieder mit.«
»Iss du es.«
»Nein danke. Es ist dein Essen.«
Sie hebt den Teller auf. Stellt ihn wieder hin. Schüttelt erneut den Kopf.
»Dort kann ich nicht.«
»Schmeckt es dir nicht? Soll ich dir etwas mitbringen?«
Sie zuckt mit einer Achsel.
»Vielleicht … ein …« In ihrem Gesicht arbeitet es. »Ein … ein … du weißt schon …«
Ich denke nach, was sie immer gerne aß.
»Ein Schnitzel?«
Sie schaut zweifelnd drein.
»Einen gefüllten Paprika?«
Sie beißt sich auf die Lippen.
»Krautfleckerln?«
Sie sieht zu Boden.
»Na so … die …« Sie macht eine rollende Handbewegung.
»Fleisch?«
Kopfschütteln.
»Gemüse?«
Kopfschütteln.
»Du hast sie auch immer wollen. Ich habe sie für dich gemacht.«
Sie kochte gut. Wenn sie kochte. Wenn sie konnte. Es gab vieles. Das ich gerne aß. Wenn sie kochte. Wenn sie konnte.
»Nudeln, oder Reis oder so?«
»So ähnlich.« Ihre Hand rollt wieder durch die Luft.
»Was Süßes?«
Ihr Nicken wird deutlich.
»Palatschinken?«
»Ja!«, ruft sie. Klatscht in die Hände. Hüpft im Sitzen. Wie ein Kind.

Wieder geschafft …

 

In der Umarmung des Vergessens IX.

 

Theaterleben

Sie lebte auf einer Bühne. Spielte ein Stück. Das niemand verstand.
Ich brauchte Jahre. Es zu verstehen. Jahrzehnte.
Nach vorne strahlend. Immer freundlich. Perfekte Mutter. Geliebte Frau. Schönes Heim.
In den Kulissen wartete die Depression. Band ihr die Arme. Auf den Rücken.
Der Text kam aus dem Souffleurkasten. Für die Mutter. Für die Frau.
Auf dem Schnürboden hing schon das Vergessen. Auch das Vergessensein.

Der Vorhang wurde immer schwerer. Und doch. Tägliches Öffnen. Vor dem falschen Publikum.
Kein Applaus von mir. Nur von der Claque. Die in der ersten Reihe saß. Und von den Regisseuren in den weißen Mänteln.

Das neue Stück hieß Mitleid. Mit allem. Mit jedem. Nur nicht mit mir.
In den Pausen. Suche nach Botschaften. Von Hiob. Von Allen. Von Jedem. Nur nicht von mir.
Der Dialog wurde gestrichen. Der Monolog wurde geweint.

Das letzte Stück:
Perfekte Mutter. Noch immer. Das Spiel: Viele Besuche. Das gibt Applaus. Von ihr. Für sie.
Und in der Pause. Ein Eis. Von mir. Für sie.

 

In der Umarmung des Vergessens VIII.

 

Die Kinder waren wieder da

»Die Kinder waren wieder da.«
»Welche Kinder?«
»Ich kenne sie nicht. Aber sie hüpften auf dem Bett herum.«
»Waren sie allein?«
»Sie hüpften und warfen mit den Pölstern.«
»Hast du ihnen nicht gesagt, sie sollen aufhören?«
»Nein, es waren doch Kinder.«
»Und du? Was hast du gemacht?«
»Ich setzte mich hin und sah ihnen zu.«
»Waren sie lange hier?«
»Ich weiß nicht …«
»Wann waren sie hier?«
»Ich weiß nicht …«
»Warum hast du nicht die Schwester gerufen?«
»Ich konnte sie doch nicht allein lassen. Es waren doch Kinder.«
»Hat sie jemand abgeholt?«
»Nein.«
»Wo sind sie hingekommen?«
»Ich weiß nicht …«