In der Umarmung des Alters X.

 

Das Wichtigste

„Du kannst leicht reden“, sagt sie. „Du bist gesund und gut verheiratet. Hast keine Sorgen. Da kann man gut alt sein.“
Kann man das?
Ja, das kann man. Ich weiß es.
Aber wieso machen es dennoch so wenig andere?

„Gesundheit ist das Wichtigste“, sagt sie.
Aha, denke ich. Da scheiden sich schon unsere Geister.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit ist das Wichtigste.“
Sie schüttelt den Kopf. „Ohne Gesundheit ist alles nichts.“

„Faschistoid“, sage ich. „Ist dieser Gedanke.“ Und spüre, wie die Jugend in mir hochdrängt. Als Kämpfergeist für all die Kranken. Deren Leben dadurch pauschal abgewertet wird.

„Und dein Mann. So einen findet man selten. Da hast du viel Glück gehabt“, sagt sie.
Gehabt? Frage ich mich. Und bin glücklich.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit macht glücklich.“
Sie schüttelt den Kopf. „Aber wenn man keinen solchen Mann hat.“

„Nicht jede war mit ihm glücklich“, sage ich. Und spüre wie die Jugend in mir hochdrängt. Als Egoismus. Diesen Mann lieben zu wollen. So wie er ist.

„Hast keine Sorgen“, wiederholt sie.
Nicht? Denke ich. Und an meinen Alltag voller Ansprüche. An mich.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit schafft viele Sorgen aus der Welt.“
Sie schüttelt den Kopf. „Aber wenn man kein Geld hat.“

„Geld bringt Sorgen in die Welt“, sage ich. Und spüre wie die Jugend in mir hochdrängt. Als ich mit sehr viel weniger genauso glücklich war, wie ich es heute wieder bin.

Demut breitet sich in mir aus. Weil ich nach all den Jahren auf der Jagd nach Gesundheit, Partnerschaft und Geld zu der Erfahrung fand:
Zufriedenheit ist das Wichtigste.
Und glücklich alt werden kann.

 

wintersonne

wintersonne

 

wintersonne

hier ist das glück
der tag ist mein

die wintersonne
leckt den himmel blassblau
mildert den frost
zu milchiger kühle
badet glitzernde schleier
im frierenden see
zärtelt die reben
zu kupfernem gespinst

und ich trinke die milch
und ich trinke das glück

und ich spinne das kupfer
zu rotglühenden netzen
die dich umfangen

der tag ist mein!

© evelyne w.

 

In der Umarmung des Alters IX.

 

Die Einladung

Ich warte. Ein Paar tritt an die Theke.
Ist hier noch frei, fragt der junge Mann höflich. Ich nicke. Und lächle.
Sie küsst ihn.
Es dauert nicht lang, sagt sie. Er lächelt. Wissend.
Sie küsst ihn nochmals. Ihr Blick streift über mich. Sie lächelt. Beruhigt.

Ein schnuckeliges Kerlchen. Die schönen Hände. Dieser knackige Hintern. Denke ich. Und lächle. In mich hinein.
Sein Blick streift über mich. Gelangweilt. An mir vorbei.
Der Kaffee ist gut hier, sage ich. Und lächle. Einladend. Ich kann mir das leisten. Jetzt.
Danke für den Tipp, sagt er. Und lächelt. Überrascht.

Unser Gespräch ist spannend. Er ist entspannt. Ich bin es auch.
Mein Mann tritt zu uns.
Dich kann man nirgends allein lassen, sagt er. Und grinst.
Oh, sagt der junge Mann. Und grinst ebenfalls.

Die junge Frau tritt zu uns. Sie lächelt. Beruhigt.

 

die einladung - audio

 

 

In der Umarmung des Alters VIII.

 

Gewinnbringend

Und dann denke ich nach.
Ich trete aus meiner persönlichen Erfahrung heraus. Und schaue mich um.
Jugend bis ins hohe Alter wird propagiert. Propagiert? Nein, gefordert!
Nur so scheint Alter lebenswert.

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Doch die Vorzüge des Alters werden versteckt. Sie bringen keinen Gewinn. Für die Wirtschaft.

Ist Jugend wirklich nur ein straffer Körper? Hat Jugend nur in diesem Platz?
In einem welken Körper ist sehr viel Platz für Jugend.
In jeder Falte bietet sich Raum für Interesse und Spontaneität. In jeder Runzel ist eine Sammelstelle für Zärtlichkeit und Wärme. Jede Dioptrie mehr schafft Möglichkeit zum schärferen Hinsehen. Und jede Rüsche um den Mund verliert sich beim oftmaligen Lachen.

Ein schlaffer Geist macht alt. Kein schlaffer Körper!
Ein enger Blick. Ein starrer Mund. Eine leere Hand.

Viel zu oft treffe ich Menschen, jünger an Jahren, die älter sind als ich.
Gewinnbringer. Für die Wirtschaft. Nicht für sich selbst.

 

schneerosen

 

schneerosen

und aus dem schnee windet sie rosen. kränze
schmücken ihr haar. licht
strömt aus ihren augen. farben
wie violettes gold. gefieder
zittert an ihrem busen. freund
ist der, sagt sie, der ein küsser meiner lippen. bögen
seufzt der wachende wind in den schnee.

 

dann liebte ich - audio