in der gnade der geburt

75 jahre reichskristallnacht …

 

an solchen tagen
werde ich ganz klein
aus scham und angst

fünfundsiebzig jahre
legen sich auf meine haut
auf meinen rücken

der sich krümmt
unter der last
gemeinsamer verantwortung

für das was sich
nicht wiederholen
DARF

was tun
mit diesem erbe
von dem ich weiß

dass es den menschen
innewohnt
damals sowie heute

lasst uns
die namen nennen
für das kleid
in dem das totschweigen
sich präsentiert

sei es aus eitelkeit
oder aus abgestumpfter
sattheit

und dann nehmt meine hand
die euch den weg
zur liebe weist …

an solchen tagen
werde ich ganz klein
aus demut

über mein leben in der
gnade der geburt

© evelyne w.

 

lesung flossenbuerg

 

 

10 Gedanken zu „in der gnade der geburt“

    1. ja, liebe diana
      man muss sich das leben damit nicht vollkleckern, aber vergessen sollte man nicht. ich denke, dass man dann nämlicha uch wachsam bleibt.

      auch zu dir ein danke und ganz liebe grüße
      lintschi

  1. ein wichtiges Poem,
    und dennoch, liebe Li,
    fühle ich mich in keinster Weise
    für all das verantwortlich,
    nur weil ich irgendwann mal
    in diesem Deutschland
    geboren wurde…
    merde!

    Liebe Grüße
    vom Lu

    1. hallo lu,

      die gnade der geburt bezieht sich darauf, dass die meisten von uns diesen krieg mit all seinen grausamkeiten nicht miterleben mussten (nicht einmal ich als altvordere hier). ja, weitergehend, dass wir seither auf keinen kriegsschauplätzen leben müssen.
      das ist die gnade der geburt – denn wären wir ein paar jahrzehnte früher, oder nur ein paar kilometer bzw. flugstunden südlicher oder östlicher geboren, dann sähe das schon ganz anders für uns aus.

      aber was machen wir daraus?
      und DAFÜR haben WIR die verantwortung.
      die menschen lernen nicht aus der geschichte, wie wir hier schon öfter mal angemerkt haben und dafür wird UNS niemand die verantwortung abnehmen können, was in UNSERER zeit nun wieder aufzuflammen scheint.
      weil sich die menschen von den damaligen ereignissen lieber distanzieren, als sich damit auseinanderzusetzen, und auf diese weise eine wiederholung zu verhindern.

      wir können die verantwortung nicht abgeben! es ist nun einmal passiert. es ändert nix, wenn wir sagen, ich habe nichts damit zu tun. ändern kann sich nur etwas, wenn wir uns damit auseinandersetzen, WAS passiert ist und versuchen, den anfängen zu wehren.

      liebe grüße
      von der li

    2. nein, lieber lu, verantwortlich für /das/ fühl ich mich auch nicht. ABER – es ist passiert (und durch meine eigene ma spüre ich immer noch auswirkungen des krieges.) und ich denke, wie lintschi, dass wir nicht vergessen sollten.
      eben um hier und jetzt und in zukunft *aufmerksam* zu sein, zu bleiben.
      jederzeit/ -ort kann sich sowas wiederholen.
      (auch und wenn wir die gnade haben (ja, lintschi, das ist es, das sehe ich auch so!), genau hier und dann geboren zu sein.)
      aber vielleicht hilft es, wenn man etwas die augen offen hält …
      liebe nachdenkliche grüße
      diana

      1. ja liebe diana,

        ich denke, genau DAFÜR haben wir sehr wohl die verantwortung. nichts zu verdrängen, nichts abzuwiegeln, sondern immer wieder zu hinterfragen, sich auseinanderzusetzen mit dem was passiert ist, WEIL … und dann zu überprüfen, ob wir denn selber auf dem weg sind, um von uns weg zumindest etwas zu unternehmen, dass es nicht wieder passiert.
        das kann man nicht, wenn man sich nur einfach distanziert.
        man muss sich positionieren und das auch vertreten, wofür man steht.

        ich sehe die gnade der geburt auch darin, dass ich all diese entscheidungen gar nicht treffen musste, die damals unter diesen schweren bedingungen von den menschen getroffen werden mussten. ich kann und will deshalb auch keinen stein werfen. ich weiß nicht, wie ich mich unter diesen bedingungen verhalten oder entschieden hätte …
        aber heute – sollte man meinen, dass die entscheidungen viel leichter sein sollten. sind wir doch besser aufgeklärt und leben keineswegs in dieser großen not und angst.

        ihr kennt mich doch. ich bin keine ewig gestrige, ich bin eine, die das leben im hier und jetzt propagiert. aber genau dieses leben im hier und jetzt gibt einem die möglichkeit, vergangenes objektiver zu betrachten, damit es auch morgen noch ein hier und jetzt für uns gibt.

        guten8grüße zu dir
        und ein von herzen kommendes danke!

  2. Zitat von Diana: ja, lintschi, das unterschreib ich zu hundertprozent genau so.
    ABSOLUT!
    Und ja! Es ist eine Gnade. Niemand kann es sich aussuchen, wo er geboren/hinein geboren wird.

    Zitat von Lintschi: aber genau dieses leben im hier und jetzt gibt einem die möglichkeit, vergangenes objektiver zu betrachten, damit es auch morgen noch ein hier und jetzt für uns gibt.

    Ich hoffe so sehr, dass immer mehr Menschen diese Erkenntnis erlangen.

    LG
    Fini

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